5.11 Über den verschollenen Güstrower Silberschatz

Können Leser des Güstrower Jahrbuches helfen?
Vor Jahren waren mein Freund und ich auf Bitte des Museums mit Recherchen zur Güstrower Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert helfend tätig, indem wir Mikrofilme von Zeitungen im Güstrower Stadtarchiv sichteten. Dabei wurden wir durch eine Notiz in der Mecklenburgischen Tageszeitung -/Güstrower Zeitung-, (Amtlicher Anzeiger für Stadt u. Kreisbehörden) auf die Existenz eines Silberschatzes im Güstrower Rathaus aufmerksam. Am 19.07.1928 wurde anlässlich der damals bevorstehenden 700-Jahrfeier Güstrows Interessantes darüber berichtet. Wir hatten zuvor niemals von einem solchen Schatz gehört oder gelesen und kopierten uns den Beitrag in der Absicht, uns später einmal gründlich mit diesem Thema zu befassen. Da wir uns dem Sachverhalt nicht kurzfristig widmen konnten, geriet dieser Artikel irgendwann bei uns wieder in Vergessenheit. Im Frühjahr 2016 fiel mir dieser Artikel nun wieder in die Hände und ich hatte daraufhin über den Brinckmanschen Silberschatz als Besonderheit der Güstrower Stadtgeschichte auf unserer Internetseite www.stadtgeschichte-guestrow.de kurz berichtet.
Meine Erwartungen, auf diesem Wege von Besuchern unserer Internetseite und durch die zu diesem Thema mit Frau Julia Brinckman, der Ururur-Enkelin von John Brinckman, geführten Korrespondenz, etwas über die Beschaffenheit und den Verbleib des Schatzes zu erfahren, erfüllten sich bisher nicht.
Wie dem Zeitungsartikel von damals zu entnehmen war, war schon seinerzeit die Existenz dieses Schatzes der Allgemeinheit kaum bekannt, den der älteste Sohn des Dichters, Max Brinckman und seine Ehefrau Helma, zu Ehren John Brinckmans schon 1905 stifteten.
Zufällig kam ich kürzlich in den Besitz eines kleinen grünen  Büchleins, welches von dem Namensgeber des Güstrower Stadtarchivs, Heinrich Benox, in seiner Funktion als Stadtsekretär, mit einem Vorwort versehen wurde. Dieses Buch enthält unter der Bezeichnung  „Die Verwaltung und Verwaltungsbestimmungen der Stadt Güstrow 1930“ auch ein Verzeichnis der städtischen Milden Stiftungen seiner Zeit. Unter der Position bb) auf der Seite 26 steht dort folgender Text:
„Brinckmanscher Ratssilberschatz.
Geschenk des Kommerzienrats Max Brinckman -Harburg- und seiner Gattin zum Andenken an seinen Vater John Brinckman.
Verwalter: Der Rat“
Die Stadt Güstrow hatte diese Schenkung seinerzeit als „Milde Stiftung“ durch den Bürgermeister Dahse entgegen genommen und in den städtischen Verwaltungsunterlagen als solche registriert.
Dies war die erste „amtliche“ Erwähnung des Brinckmanschen Ratssilberschatzes, die mir vor Augen kam. Gezielte Nachfragen auf dieser Grundlage beim Stadtarchiv ergaben, dass Frau Gisela Scheithauer vor langer Zeit in gleicher Sache recherchiert hatte und eine Akte (Brinckmanscher Ratssilberschatz) existiere. Diese Akte, die ich inzwischen aufmerksam sichtete, diente bereits Frau Gisela Scheithauer vor über 25 Jahren als Quelle für ihre umfangreichen Ausführungen zum Ratssilberschatz. Unter der Überschrift „Güstrower Stadt-Sachen aus dem Stadt-Archiv“, Heute: Der Ratssilberschatz, veröffentlichte die Autorin im Mai 1991 einen Beitrag in den Güstrower Nachrichten, der mir nun ebenfalls durch das Stadtarchiv zugänglich gemacht wurde.
Frau Scheithauer setzte damals an den Anfang ihres Beitrages in den Güstrower Nachrichten den Aufruf an die Leser, Ausschau nach dem Silberschatz zu halten. Selbst wenn es nur gelänge ein einzelnes Schaustück der prächtigen Gerätschaften aufzufinden. Diese, mir bisher unbekannten damaligen Bemühungen der Autorin, entsprechen auch meinem Anliegen seitdem ich mich mit dem Silberschatz beschäftige. Wenngleich die Hoffnung des Auffindens dieses Schatzes mit Unterstützung der älteren Leser und der Autoren des Güstrower Jahrbuches 2018 äußerst gering ist, ist es m. E. dennoch sinnvoll, besonders jüngeren Lesern des neuen Jahrbuches die Beschaffenheit und die Geschichte des wertvollen Ratssilberschatzes an dieser Stelle zu vermitteln.
Hierzu zitiere ich nachstehend mehrfach Frau Gisela Scheithauer:

„Am 17. Oktober des Jahres 1904 erscheint im Güstrower Rat der dänische Konsul Max Brinckman, ältester Sohn des niederdeutschen Dichters, , Seniorchef der Firma Harburger Ölwerke Brinckman & Mergel, und teilt mit, dass es seine Absicht sei, der Stadt eine silberne künstlerisch ausgestattete Kanne mit einer Anzahl dazugehöriger Becher und silbernen Tabletts zu schenken. Die Becher sollen nach des Stifters Vorstellungen mit „einem Bildnis bedeutender Mecklenburger bzw. verstorbenen Bürgermeistern, welche sich um die Stadtverdient gemacht hätten“ geschmückt werden. Alle 5 Jahre sollte ein neuer silberner Becher angeschafft werden. Max Brinckman stellte auch ein Kapital von 1000 Mark bereit, aus dessen Zinsen die Ergänzung und Pflege des fortan als Silberschatz bezeichneten Geschirrs zu bezahlen war. Versteht sich, dass der Rat erfreut zugreift bei einem so noblen Angebot, zumal der Konsul gleich Vorschläge mitbrachte, wen er solcher Ehrung für würdig hält: Franz I und II, den Fürsten Bücher, den Grafen Moltke, J. H. Voß, Fritz Reuter und als Bürgermeister Sibeth und Spalding. Die Ratsherrn ergänzten ihrerseits diese Liste mit dem Vorschlag, auch seinen Herrn Vater aufzunehmen, der neben Fritz Reuter nicht fehlen dürfe“.
(„…“)
„Der Hofbuchhändler Emil Opitz, Sohn des Friedrich Opitz und der tüchtigen Emilie, geb. Lorange, beschafft die nötigen Fotografien für die Dekoration und schickte alles an den Spender nach Harburg, darunter eine Generalansicht von Güstrow, Portraits von Kaiser Wilhelm und Fürst Bismark, die inzwischen auch in Vorschlag gebracht worden waren, und bietet weitere Bildnisse an , „etwa von den beiden Schulmännern Raspe und  Direktor Seeger“,(„…so halte ich auch von diesen gute Portraits zu Ihren Diensten…“)“.
Schon ein Jahr später (1905), nachdem das Angebot gemacht worden war, wird die erste Garnitur von Max Brinckman feierlich überreicht: eine silberne Platte, eine silberne Kanne mit Untersatzteller und 12 silberne Becher“.
(„…“)
„Der Stadtsekretär Benox schreibt ins Protokoll: „ Die Silbergeräte sind mit folgender Widmung versehen: Seiner lieben Vaterstadt Güstrow zum Andenken an John Brinckman, gewidmet von dessen Sohn Max Brinckman, Harburg a/E 1905.“
(„…“)
„Im Dezember 1926 ist die Reihe an ihm selbst, sich entsprechend dem Vorschlag des Rates auf eine Abbildung in Silber vorzubereiten. („… und bitten Sie, hochverehrter Herr Kommerzienrat, um Ihr diesbezügliches Einverständnis…“).Der Dichter schickt sein Porträt und formuliert eine schlichte Inschrift,  schlägt vor, den Auftrag einem Güstrower Juwelier zu übergeben und bittet schließlich um die Rechnung. Am Ende ist er sehr zufrieden mit der Arbeit des Güstrower Juweliers Georg Commentz, Markt 4“.
(„…“)

In Jahre 1928 bestand der Silberschatz des Rates aus folgenden Teilen:
(Aus der Zusammenstellung ist zu erkennen, dass nicht alle vorgeschlagenen Personen auf den Bechern abgebildet wurden)

Bestandteile des Silberschatzes:
1. Eine Silberplatte: in je zwei Ecken das mecklenburgische und das Stadtwappen, an den 4 Seiten Abbildungen von Rathaus, Gerichtsgebäude, "altem Haus" (Brauerei Frederik Hansen),  Schloss;

2.Eine Kanne: auf der einen Seite Ansicht von "Güstrow Anno 1665", auf der anderen Seite Ansicht von "Güstrow Anno 1905", auf dem Deckel das Stadtwappen;

3. Auf den 12 Bechern: je ein Bildnis mit Inschrift
-„Herzog Ulrich, geb. 5. März 1527, gest. 14. März 1603",
-„Großherzog Friedrich Franz I., von Mecklenburg, geb. 10. Dezember 1756, gest. 1. Februar 1837",
- „Großherzog Friedrich Franz II., geb. 28. Februar 1823, gest. 15. April 1883",
-„ Fürst Blücher, Feldmarschall, geb. 16. Dezember 1742, gest. 12. September 1819",
-„Graf Moltke, Feldmarschall geb. 15. November 1800, gest. 24. April 1892",
-„v. Thünen, Tellow, geb. 24. Juni 1783, gest. 22. September 1850",
-„Fritz Reuter, geb. 7. November 1810, gest.12. Juli 1874",
-„John Brinckman, geb. 3. Juli 1814, gest. 20. September 1870",
-„Medizinalrat Dr. A. Vogel, geb. 26. September 1825, gest. 24. März 1886,
-„Bürgermeister Peter Tornow, amt. 1689 -1709",

-„Bürgermeister Carl Sibeth, geb. 18. Oktober 1756, gest. 3. Dezember 1823",
-„Bürgermeister Heinrich Tschierpe, amt. 1823-1830";


4. Von den 1000 Mark als Stiftungskapital und deren Zinsen, das zweckgebunden für Ergänzung und Pflege des Silberschatzes durch den Stifter bestimmt waren, wurden die nachstehend genannten Becher mit folgenden Inschriften gefertigt:
-„Schuldirektor Heinrich Seeger, geb. 10. April 1825, gest. 29. Mai 1902",
-„Bürgermeister Otto Dahse, geb.30. September 1839, gest. 13. Juli 1921",
-„Bürgermeister Phil. Süsserott, geb. 9. Juli 1839, gest. 11. August 1913",
-„Kommerzienrat Max Brinckman, geb. 18. Dezember 1846, gest. 22. Mai 1927".
(Anmerkung: Die Kosten für den Max-Brinckman-Becher beglich der Stifter persönlich)


5. 1928 erfolgte eine Ergänzung des Silberschatzes durch den Sohn des Stifters, John-Max Brinckman. Der in Hamburg lebende Sohn des 1927 verstorbenen Kommerzienrates Max Brinckman, hat einen silbernen Becher gestiftet, der dem Brauch zufolge, dem besonderem Andenken eines verdienstvollen Sohnes der Stadt Güstrow geweiht ist:
Ihn schmückt das Bildnis des Musikdirektors Schondorf, der in Güstrow für die Förderung und Entfaltung der Tonkunst außergewöhnlich tätig war. Das nebenstehende Foto zeigt den Schondorf-Becher, der von dem Güstrower Juwelier Eichholz gefertigt wurde.

6. Ebenfalls 1928, anlässlich der 700-Jahrfeier Güstrows wurde der Silberschatz durch die Vorderstädte Parchim und Neubrandenburg um einen 5-armigen Silber-Leuchter erweitert. Eine entsprechende Widmung wurde auf dem Leuchter graviert.
Weiterhin wurde 1928 zur Erinnerung an den ehemaligen Güstrower Bürgermeister Erich Langfeldt (1831-1867) der sogenannte Langfeldt-Pokal durch Wilhelmine Langfeldt, Konventualin des Klosters Dobbertin gestiftet und dem Silberschatz hinzugefügt

7. Im Jahre 1933 wird Gauleiter Hildebrandt auf einem Becher abgebildet.
Der Nationalsozialist war auch Ehrenbürger der Stadt Güstrow. 
Die Güstrower Stadtvertretung hatte durch Appellation, bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten, der Verleihung der Ehrenbürgerschaft zugestimmt, die nach der Wende widerrufen wurde. 

In den Jahren der Führung der Stadt durch die Nationalsozialisten erfolgte eine Nutzung des Stiftungskapitals, entgegen der Vorgaben des Stifters, z. B. zur Herstellung einer Schreibtischuhr für den NS-Oberbürgermeister Lemm.

 

 

Der Verbleib der unter der Position 23. der Verwaltungsbestimmungen der Stadt Güstrow von 1930 aufgeführten Gegenstände des 
„Brinckmanscher Ratssilberschatz. Geschenk des Kommerzienrats Max Brinckman-Harburg und seiner Gattin zum Andenken an seinen Vater John Brinckman“, 
und der weiteren Silbersachen sind seit Kriegsende komplett unbekannt. Es ist also kein einzelnes Stück dieses umfangreichen und auffälligen Schatzes je irgendwo aufgetaucht.
Der Schatz wurde durch den Rat der Stadt verwaltet und in einem Geldschrank verwahrt, dessen Feuerfestigkeit und Einbruchssicherheit durch die Herstellerfirma, Geldschrank-Fabrik Julius Schüler in Hamburg. Altona-Ottensen, versichert wurde.
Der Geldschrank wurde im Auftrage des Stifters exklusiv für die Stadtverwaltung in Güstrow beauftragt, hergestellt und geliefert (Maße 88 cm hoch, 69 cm breit und 70 cm tief). Es wurden 2x zwei Schüssel an die Stadt übergeben. Oberhalb der Tür des Geldschrankes gab es eine eiserne Krönung in der sich zur Zierde ein in Silber getriebenes Güstrower Stadtwappen befand. Die Auffälligkeiten aller Silbergegenstände und des Geldschrankes selbst, bestärken die Vermutung, dass der Schmuck, der nun schon über 70 Jahre verschollen blieb, in den Wirren des Kriegsendes 1945 außer Landes verbracht wurde.

Frau Gisela Scheithauer schloss 1991 ihren Artikel in den Güstrower Nachrichten mit dem Satz, den ich hier heute gleichfalls, immer noch hoffnungsvoll, wiederhole.
" UND WENN SIE NUN DOCH EINE SPUR FÄNDEN, LIEBE LESER?"

Alle, die jemals etwas von diesem Silberschatz gehört oder gelesen haben, mögen sich bei mir melden oder es auf irgendeine andere Weise öffentlich machen (Tel.: 03843 332525; Email: stadtgeschichte-guestrow@gmx.de)

Dieter Kölpien