15.2 Ein Blick in ein ca. 250 Jahre altes "Stammbuch eines der Apothekerkunst Beflissenen, aus Sommerfeld in der Lausitz gebürtig"

Wir ermöglichen an dieser Stelle einen kulturhistorisch interessanten Einblick in ein 310 Seiten umfassendes Stammbuch, welches von 1770 bis 1778 in Güstrow geführt wurde.
Dieses Stammbuch gehörte einst dem "der 
Apothekerkunst beflissenen" George Friedrich Pirscher, der offensichtlich von 1770 bis 1778 in Güstrow lebte und aus Sommerfeld (Schlesien), jetzt  Lubsko in Polen, stammte. Dieser Blick in das das Stammbuch, es würde heute auch Poesie-Album genannt, wurde uns durch einen in der Nähe Berlins lebenden Nachfahren, Michael Müschner, des G. F.  Pirscher, ermöglicht.
Herr Michael Müschner, der diese WEB-Site besuchte und unsere stadtgeschichtlichen Ausführungen interessant fand, hat uns über seinen Familienschatz sehr detailliert informiert und hofft durch uns Güstrower Hinweise auf das Leben seines Ahnen in unserer Region zu erhalten. Er hatte zuvor festgestellt, dass 53 von 79 Eintragungen in dem Stammbuch seines Vorfahren in Güstrow vorgenommen wurden und uns seine Unterlagen zugeleitet. Diese Informationen haben unser Interesse
geweckt (Siehe auch nachfolgende Tabellen).
Auf un
sere Bitte erhielten wir neben den Kopien der Stammbuchseiten auch eine Namensliste der 
Bürger, die Eintragungen in das Stammbuch vornahmen, durch Herrn Münschner bereitwillig übersandt. Er wünschte uns für unsere gemeinsamen Recherchen interessante Erkenntnisse und viel Erfolg.
Das Stammbuch ist neben den schmuckvollen textlichen Eintragungen meistens in deutscher Schrift mit ca. 20 bildlichen Darstellungen, die nur teilweise zu den Texten gehören, ausgestaltet. 

Wir haben unsererseits inzwischen die Leiterinnen des Güstrower Stadtarchivs "Heinrich Benox", Frau Doris Dieckow-Plassa und des Museum der Stadt Güstrow, Frau Iris Brüdgam, um Unterstützung bei der kulturhistorischen Bewertung des Zeitzeugnisses "Stammbuch Pirscher" für Güstrow gebeten. Beide waren von dem Stammbuch sehr beeindruckt. 
In dem Namensverzeichnis Güstrower Apotheker, welches der Stadtgeschichtler Wilhelm Mastaler erstellte, befindet sich kein Hinweis auf George Friedrich Pirscher.
Wir suchen also weiter nach Spuren des G.F.P. in Güstrow und versuchen auch Angaben zu den Personen zu finden, die Eintragungen in dieses Stammbuch vornahmen.
Über den George Friedrich Pirscher ist bisher nur bekannt, dass er 1758 als cand. theol. Hauslehrer beim Landrat von Stenoch war. 1770 soll er Apotheker in Güstrow Mecklenburg gewesen sein. Diese Angaben enthalten Aufzeichnungen von den Nachkommen des G.F.P.  Unsere bisherigen Nachforschungen ergaben, dass ein Vorfahre mit dem Namen Tobias Pirscher  des G.F.P. 1649/1650 für ein Wintersemester  an der Universität in Rostock unter Nr. 30 immatrikuliert war.  

Die Führung eines Stammbuches hatte, wie wir inzwischen wissen, folgenden Sinn:
In Stammbüchern versicherten sich Personen ihrer gegenseitigen Freundschaft und Wertschätzung. Hierzu wurden die autographischen Eintragungen teilwiese neben schmuckvollen Handschriften oft auch mit zeichnerischen Aussagen verziert.

Diese Eintragungen kamen nach der Reformation in Mode und waren daher bei protestantischen Studenten bis Anfang des 19. Jahrunderts ausgeprägt.
Die später aufkommenden Poesiealben weisen mit den Stammbüchern Ähnlichkeiten auf. Die Eintragungen erfolgten meist änlässlich besonderer Ereignisse. Wir können uns z. B. an Eintragungen in Poesiealben anlässlich der Konfirmation, des Schulabschlusses und Geburtstagen erinnern, die uns unsere Eltern, vorwiegend die Mütter zeigten.
Indem man (oft gegenseitig) ein Blatt in einem Album ausfüllte, wurden Freundschaft und Wertschätzung bekundet. Diese Eintragungen konnten - etwa bei einem Wiedersehen oder aus Anlass eines Festes - bestätigt werden. Auf diese Weise hatten die Besitzer der Stammbücher bis an ihr Lebensende eine autographische Erinnerung an vergangenen Lebensabschnitte und an Personen mit hohem Ansehen, die sie selbst verehrten und wertschätzten. (Eltern, Freunde, Lehrer, Schulkameraden und andere verehrte Personen)

Eine erste Analyse der Eintragungen im Stammbuch George Friedrich Pirscher  (G. F. P.) erfolgten durch Michael Müschner, einem Nachfahren des G. F. P. und jetzigem Besitzer des Stammbuches. Er hatte die Häufung der Eintragungen von Güstrowern in dem Stammbuch bemerkt und daher Kontakt zu uns über unsere Güstrower WEB-Site  aufgenommen, weil er unser vielseitiges stadtgeschichtliches Interesse für unsere Heimatstadt bemerkte. Für diese Kontaktaufnahme sind wir Herrn Michael Müschner sehr dankbar.

Jahr

 

1770

1771

1773

1774

1775

1776

1777

1778

Anzahl der Eintragungen pro Jahr

            
                 2

                11

                 2

                11

                14

                 2

                 9

                 2



Anzahl der erfolgten Eintragungen in das Stammbuch in den nachstehend genannten Orten


Güstrow       53
Rostock       12
Vielist           1
Wa(h)ren      2
Grünberg     5
Bützow         3


Namensliste Güstrower Bürger (oder in Güstrow anwesende Bürger aus der Region), die in den Jahren 1870 bis 1878 Eintragungen in dem Stammbuch von George Friedrich Pirscher vornahmen und dieselben zum Teil mit Grafiken verschönerten (oder verschönern ließen?).

Ein Blick auf die Umschlagsseiten und den Buchrücken des Stammbuches G.F. P.  (George Friedrich Pirscher)

                                     Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Buchrücken des Stammbuches
Buchrücken des Stammbuches


Das erste Blatt des Stammbuches von George  Friedrich Pirscher enthält einen Gruß seines Bruders Samuel Traugott Pirscher, danach wendet sich der Eigentümer G. F. Pirscher mit einem Text an die Freunde, deren Einträge in das Stammbuch er erbittet.,

Wir fügen auf dieser WEB-Seite danach einige weitere Einträge von vorwiegend Güstrower Bürgern oder damals hier weilenden Besuchern aus dem Stammbuch hinzu.
 
Alle aus dem Stammbuch eingefügten transkribierten Texte werden hier exakt in der Schreibweise wiedergegeben, wie sie in den Originalen von 1770 bis 1778 enthalten sind.

Wir danken der hilfsbereiten 83-jährigen Güstrowerin
Ingeborg L.
(sie wollte ungenannt bleiben) für die Transkription der in deutscher Schrift geschriebenen alten Texte, deren "Übertragung" für uns sehr hilfreich war.



2018, ganz Aktuelles zu Georg Friedrich Pirscher

Der Eigentümer des Stammbuches des Georg Friedrich Pirscher hat inzwischen weitere Lebensdaten seines Vorfahren auf Grundlage seiner Internet-Recherchen ermittelt und mir übermittelt:
- Lebenszeit des G.F. Pirscher 04.02.1747-13.04.1828 in Grünberg,
  (veröffentlicht im Grünberher Wochenblatt)
- Pirscher hatte allem Anschein nach, keine eigene Apotheke in Güstrow, sondern war angestellt bei einem Güstrower Apotheker und hat sich hier weiter gebildet.
- Seit 1776 besaß er eine eigenen Apotheke in Grünberg. In einem polnischen Buch über das Krankenhaus in Grünberg wird zu den Apotheken in Grünberg ausgeführt, dass es dort Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Apotheken gab. Eine war seit 1774 Eigentum des Apothekers Elsner. Die andere Apotheke (Löwenapotheke) kaufte Pirscher aus Sommerfeld (Lubsko).
- Ende des 18. Jahrhunderts besaß Pirscher beide Apotheken.
- Das Apothekengesetz zwang ihn nach der Jahrhundertwende eine
  Apotheke wieder aufzugeben. 
- 2017, die örtlich Zeitung teilt mit, dass nach 400 Jahren die
 Löwenapotheke in Zielena Gora geschlossen wurde.
- Da Pirscher wahrscheinlich bis 1778 in Güstrow tätig war, muss er nach
  dem Kauf der Apotheke in Grünberg zwischen Februar 1876 und 
 1778 zwischen Güstrow und Grünberg gependelt sein. 1776 sind in
 Güstrow nur zwei Eintragungen in dem Stammbuch erfolgt.
- Pirscher muss zu diesem Zeitraum recht bekannt und vermögend
 gewesen sein.  
- Im "Nekrolog der Deutschen" 1830 wurde man nur bei einem gewissen
  Bekanntheitsgrad erwähnt. Seine Pirscherschen Stiftungen wurden durch
  Erwähnung durch den Kaiser 1830 damit gewürdigt. 
- Der Verkauf seiner Apotheke aus Altersgründen an seinen Neffen Gotthilf
  Walther wurde in in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und
  gelehrten Sachen Nr. 121, Donnerstag 8. Okt. 1818 und Nr. 123 inseriert.
-Trotz des des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonszeit, die seine 
  Heimat stark betrafen, war er scheinbar ein sehr umtriebiger Mensch. 
 

Wir sind beeindruckt von den präzisen und sehr gut erhaltenen Darstellungen der Details auf vielen Blättern und vermuten, dass manche Seiten wohl von Güstrower Künstlern zusätzlich gestaltet wurden.

(Apotheker haben natürlich Heilpflanzen exakt gezeichnet und beschrieben, andere Möglichkeiten der Dokumentation gab es damals nicht. Leider sind die Bilder nicht signiert).

Vielfach sind die bildlichen Darstellungen von den Texten getrennt geschaffen worden, so dass die Vermutung besteht, dass die Textschreiber nicht auch die Zeichner der Bilder waren.