15.5 Über das Stammbuch eines "der Apothekerkunst beflissenen" Bürgers namens George Friedrich Pirscher aus Sommerfeld in der damaligen brandenburgischen Provinz Niederschlesien im Königreich Preußen (heute Lubsko in Polen).

Vorbemerkungen

Mit dieser Studie ermöglichen wir einen Rückblick in den Güstrower Bekanntenkreis eines gebildeten preußischen Bürgers, welcher zwischen 1770 bis 1778 in unserer Heimatstadt mit Unterbrechungen lebte und engere Bekanntschaften zu ca. 50 Güstrower Einwohnern und Besuchern Güstrows unterhielt. Dieses Stammbuch gehörte einst, wie sein erster Eigentümer zu Beginn des Buches erklärte, dem "der Apothekerkunst beflissenen" George Friedrich Pirscher, der eine kurze Zeitlang in Güstrow lebte und aus Sommerfeld in der damaligen preußischen Provinz Brandenburg in der Niederlausitz (jetzt Lubsko in Polen) stammte. Dieser Blick in das Stammbuch des George Friedrich Pirschers, wurde uns durch einen in Berlin lebenden Nachfahren ermöglicht. Dieser erbte das Buch von einer Tante, die aus der weiblichen Nachkommenschaft des Bruders des ersten Eigentümers stammte. G. F. Pirscher selbst blieb unverheiratet und kinderlos. Eine lückenlose Rückverfolgung dieser Linie ist dem jetzigen Eigentümer des Stammbuches, Herrn Michael Müschner, nicht gelungen und ist auch durch uns nicht vordergründig beabsichtigt. Herr Müschner, der unsere Internetseite (www.stadtgeschichte-guestrow.de) besuchte, wurde durch unsere stadtgeschichtlichen Aufzeichnungen zu einer Kontaktaufnahme mit uns angeregt und hat uns über seinen Familienschatz zum Jahresbeginn 2015 sehr detailliert informiert. Er erhoffte durch uns Hinweise auf das Leben und Wirken seines Ahnen in Güstrow zu erhalten. Seine Informationen fanden wegen der namentlichen Benennung von ca. 50 Personen aus dem Umfeld seines Vorfahren mit Beziehungen zu Güstrow auch unser stadtgeschichtliches Interesse. Unsere erwartungsvolle Einbindung in Nachforschungen zum Leben und Wirken George Friedrich Pirschers in Güstrow durch Herrn Michael Müschner, erforderte von uns die Beschäftigung mit Personen und deren Lebensverhältnissen in unserer Heimatstadt zwischen 1770 und 1778, also der Zeit des Spätbarocks und des Übergangs zum Rokoko.

Mit solcher Art Recherchen zu einer Gruppe von Personen bewegten wir uns auf Neuland. Bislang stand meistens die Beschäftigung mit der Technikgeschichte und Einzelpersonen in unserer Region im Mittelpunkt unserer geschichtlichen Studien. Die Wenigsten von uns können es sich heute vorstellen, dass auch einmal Männer mit gepuderten Perücken (mit Zopf!) und Frauen mit Reifröcken durch Güstrows Straßen spazierten. Uns

ging es ebenso.


Eine erste Analyse der Eintragungen im Stammbuch George Friedrich Pirscher  (G. F. P.) erfolgte durch Michael Müschner, einem Nachfahren des G. F. P. und jetzigem Besitzer des Stammbuches. Er hatte die Häufung der Eintragungen von Güstrowern in dem Stammbuch bemerkt und daher Kontakt zu uns über unsere Güstrower WEB-Site  aufgenommen, weil er unser vielseitiges stadtgeschichtliches Interesse für unsere Heimatstadt bemerkte. Für diese Kontaktaufnahme sind wir Herrn Michael Müschner  natürlich sehr dankbar.



Anzahl der erfolgten Eintragungen in das Stammbuch in den nachstehend genannten Orten 


Güstrow       53
Rostock       12
Vielist           1
Wa(h)ren      2
Grünberg     5
Bützow         3


Wir erhielten auch eine Namensliste Güstrower Bürger oder in Güstrow anwesende Bürger aus der Region, die in den Jahren 1870 bis 1878 Eintragungen in dem Stammbuch von George Friedrich Pirscher vornahmen und dieselben zum Teil mit Grafiken verschönerten oder verschönern ließen(?).

Ein Blick in das Original des Stammbuches wurde uns bei einem Kurzbesuch des Ehepaares Müschner in Güstrow ermöglich. Wir betrachteten gemeinsam mit den verantwortlichen Mitarbeiterinnen des Archivs und des Museums unserer Heimatstadt das wertvolle  Stammbuch.

                                     Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Buchrücken des Stammbuches
Buchrücken des Stammbuches

Inzwischen hatten wir im Mai 2019 durch unsere Forschungsgemeinschaft eine Broschüre erstellt und diese dem Stadtarchiv, dem Museum und der Bibliothek in Güstrow (je ein Exemplar) zur Verfügung gestellt.

Weiterhin wurde im Güstrower Jahrbuch 2020 unter dem Titel "Das Stammbuch - ein Urahn des Facebook" über die Ergebnisse unserer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit durch die Autoren Jarochna Dabrowska-Burkhardt, Dieter Kölpien und Michael Müschner berichtet. Dabei wurde auch erklärt, dass die Stammbuchforschungen nicht abgeschlossen sind und fortgesetzt werden. Sowohl in Ludwigsfelde bei Berlin in und Güstrow und auch in Zielona Gora wurde und wird weiter zum Stammbuch Pirscher geforscht. Nun sollen hier  weitere Erkenntnisse auf dieser WEB-Seite veröffentlicht werden. Wir fügen auf dieser WEB-Seite neben unseren Vorbemerkungen zu der bereits veröffentlichten Broschüre auch unsere weiteren Erkenntnisse bei unseren Studien zum Stammbuch Pirscher auf. Dies betrifft auch Erkenntnisse über einige vorwiegend Güstrower Bürger oder damals hier weilenden Besuchern, die in dem  Stammbuch Eintragungen vornahmen. Die aus  dem Stammbuch hier eingefügten transkribierten Texte werden hier exakt in der Schreibweise wiedergegeben, wie sie in dem handschriftlichen und signierten Originalen von 1770 bis 1778 enthalten sind.

Wir danken auch an dieser Stelle der hilfsbereiten fast 90-jährigen Güstrowerin     
                               Ingeborg L.
(sie wollte ungenannt bleiben) für die Transkription der in der deutscher Schrift geschriebenen alten Texte, deren "Übertragung" in die lateinische Schrift sehr hilfreich war.

 

Zur Erinnerung:

Informationen zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im damaligen Herzogtum Mecklenburg-Schwerin.


Es ist bekannt,

- dass die beiden mecklenburgischen Herzogtümer durch einen internen Erbvertrag, Preußen an einer beabsichtigten direkten Machtübernahme in Mecklenburg gehindert hatten.


- dass durch ein Abkommen auf Initiative Preußens, unter Umgehung eines europäischen Krieges, die Aufteilung Polens auf Russland, Preußen und Österreich geregelt worden war.


- dass der Siebenjährige Krieg (1756–1763) zwischen Österreich und Preußen, mit dem Charakter eines Weltkrieges, alle europäischen Mächte und die Bevölkerung Europas katastrophal geschwächt hatte.


- Die Auseinandersetzungen betrafen sehr stark die preußische Provinz Schlesiens, in der auch G. F. Pirscher aufwuchs und zeitweise lebte.


- Im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin regierte in der Zeit von 1756 - 1785 Herzog Friedrich der Fromme (1717 – 1785), 2. Sohn seines Vorgängers, Herzog Christian Ludwig II., der seine Mecklenburger tüchtig ausbeutete, damit er seine Haushaltung am Hofe des französischen Sonnenkönigs Ludwig des XIV. ansehnlich gestalten konnte.


- Gegen Friedrichs Widerspruch wurde Mecklenburg-Schwerin auf Grund des Reichsrechts von preußischen Truppen besetzt. Da Herzog Friedrich den Schweden den Durchzug durch Mecklenburg-Schwerin erlaubte, stellte er sich direkt gegen Preußen und war dadurch passiv in den Siebenjährigen Krieg hineingelangt. Daraufhin musste er sein Land zwischen 1757 bis 1763 verlassen und hielt sich in Lübeck auf. Nach dem Friedensschluss musste Mecklenburg-Schwerin hohe finanzielle Abgaben an Preußen entrichten. Weil die Stadt Rostock die Zahlungen verweigerte,
verlegte Friedrich 1760 einen Teil der Rostocker Universität nach Bützow.


- Seit seiner Eheschließung (1764) mit Louise Friederike, Tochter des Erbprinzen Ludwig von Württemberg-Stuttgart, verlegte er seine Residenz von Schwerin nach Ludwigslust.


- Ein politisches Parlament gab es in Mecklenburg nicht. Zur Beratung und Meinungsbildung tagte im Rhythmus von zwei Jahren ein gemeinsamer Landtag des Adels beider Mecklenburgischen Herzogtümer im Wechsel zwischen Sternberg und Malchin.


- Bürgermeister der Stadt Güstrow war von1751 bis 1800  Dr. Joachim Spalding.

Einige berühmte Personen, die um 1770-1778 in Mecklenburg lebten.


- In Ludwigslust schufen der Baumeister Johann Joachim Busch (1720
802) und der Papierfabrikant Johann Georg Bachmann (1738 – 1818) einen prunkvollen Herrschersitz für Herzog Friedrich aus Sandstein und Pappmache.


- Georg Leberecht Blücher (1742 – 1819), geriet als schwedischer Husarenjunker während des Siebenjährigen Krieges in preußische Gefangenschaft und wurde für das Heer der Preußen angeworben. Nachdem er wegen Meinungsverschiedenheiten mit einem Vorgesetzten um 1773 seine Entlassung als Rittmeister aus dem preußischen Heer erwirkte, arbeitete er als Ökonom.


- Johann Heinrich Voß (1751 – 1826), Hauslehrer bei von Oertzen in Ankershagen, übersetzte später Homers Ilias.

- Sophie Charlotte zu Mecklenburg- Strelitz (1744 – 1818) lebte zunächst in bescheidenen Verhältnissen in Mirow. Die Schwester des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz wurde von Madame de Grabow, einer gebürtigen Güstrowerin, unterrichtet. Charlotte beherrschte mehrere Sprachen, war naturwissenschaftlich und musisch gebildet und hatte sich in einem Brief an den preußischen König kritisch über das Benehmen seiner Soldaten in ihrem Land beklagt. Hiervon erfuhr der englische Prinz George und nahm ihre Haltung zum Anlass, um durch einen Gesandten um ihre Hand anhalten zu lassen. Ein Ehevertrag kam zustande und 1761 wurde die Ehe geschlossen.


- Ein interessantes Abbild der Lebensverhältnisse in der Region um Güstrow vermittelte seinerzeit der englische Gelehrte und Historiker Thomas Nugent. Ihm war die mecklenburgische Geschichte bereits aus früheren Studien bekannt, als er 1766 die Heimat der späteren englischen Königin Charlotte bereiste. Diese war am 19.05.1744 als Sophie Charlotte, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, in Mirow geboren. 1761 wurde sie durch die Heirat mit dem englischen König George III., als Königin Charlotte, Königin von Großbritannien und Irland und Kurfürstin (später auch Königin) von Hannover. Vor dieser Verbindung interessierten sich die Briten für die beiden mecklenburgischen Residenzen. Mehrere Monate bereiste Thomas Nugent die beiden Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Er hielt sich unter anderem in Wismar, Ludwigslust, Schwerin, Rostock, Doberan, Güstrow, Bützow, Wa(h)ren, Neustrelitz, Mirow und Neubrandenburg sowie in vielen kleinen weiteren Orten auf.

Ein Ausflug zu Fuß führte ihn auch von Güstrow über Bülower-Burg nach Bülow.

Er schrieb hierüber in „Reisen durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg“ in seinen 1781/82 in deutscher Fassung veröffentlichten Reisebriefen an einen Freund(zuletzt herausgegeben von Sabine Bock 1998 im Schweriner Verlag Thomas Helms erschienen).

 

 „Auf halbem Wege trafen wir auf einen angenehmen Lustort, der Brunnen (bei Güstrow in der Nähe Bülow-Burgs - die Autoren-) genannt, der von einer vortrefflichen und sehr gesunden Quelle, die in dieser Gegend entspringt, den Namen haben soll. Inzwischen wird dieser Ort doch nur vorzüglich um des schönen Weins willen, den man hier haben kann, besucht, und auch wegen der vortrefflichen Alleen und Spaziergänge, die hier dicht, an einem angenehmen See liegen“.

 

Zu Stammbüchern

In Stammbüchern versicherten sich Personen ihrer gegenseitigen Wertschätzung und Freundschaft.

Hierzu wurden die autographischen Eintragungen teilweise neben schmuckvollen Handschriften oft auch mit zeichnerischen Aussagen verziert. Diese Eintragungen kamen nach der Reformation in Mode und waren daher zunächst bei protestantischen Studenten bis Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeprägt. Die später aufkommenden Poesiealben weisen mit den Stammbüchern Ähnlichkeiten auf. Die Eintragungen erfolgten meist anlässlich besonderer Ereignisse. Wir können uns z. B. an Eintragungen in Poesiealben anlässlich der Konfirmation, des Schulabschlusses und Geburtstagen erinnern, die uns unsere Eltern, vorwiegend die Mütter zeigten.

Indem man (oft gegenseitig) ein Blatt in einem Album ausfüllte, wurden Wertschätzung und Freundschaft bekundet. Diese Eintragungen konnten, etwa bei einem Wiedersehen oder aus Anlass eines Festes, bestätigt werden. Auf diese Weise hatten die Besitzer der Stammbücher bis an ihr Lebensende eine autographische, oft gereimte, Erinnerung an vergangene Lebensabschnitte und an Personen mit hohem Ansehen, die sie selbst verehrten und wertschätzten.

Über das Stammbuch G.F. Pirscher

Das Original-Stammbuch des G.F.P., in den Abmessungen 16,5 cm x 21 cm, enthält ca.300 Blätter und ist neben 79 schmuckvollen und oft nur schwer entzifferbaren handschriftlichen Eintragungen in vorwiegend deutscher Schrift verfasst worden. Aber auch in Französisch, Latein und Hebräisch erfolgten Eintragungen. Es enthält weiterhin ca. 20, (mit einer Ausnahme) nicht signierte bildlichen Darstellungen, die wiederum nur teilweise in Beziehung zu den Texten stehen. Mehr als die Hälfte der ansonsten sporadisch beschriebenen Seiten blieben unbeschrieben. Alle 79 handschriftlichen Eintragungen wurden von uns  bzw. mit Unterstützung durch Frau I. L. transkribiert. Die 50 in Güstrow vorgenommenen Eintragungen wurden durch uns besonders analysiert.

In dem Namensverzeichnis Güstrower Apotheker, welches der Güstrower Stadtgeschichtler Wilhelm Mastaler einst erstellte und welches im Güstrower Stadtarchiv “Heinrich Benox“ vorliegt, befindet sich kein Hinweis auf einen Apotheker George Friedrich Pirscher.

Wir suchten weiter nach Spuren des G.F.P. in Güstrow und bemühten uns auch Angaben zu den Familien zu finden, von denen Angehörige Eintragungen in diesem Stammbuch vornahmen. Die Ergebnisse unserer Nachforschungen erfüllten unsere Erwartungen bisher nur teilweise. wir setzen unsere Nachforschungen jedoch dennoch fort.(Wir vermuten lediglich, dass ein möglicher Vorfahre mit dem Namen Tobias Pirscher 1649/1650 für ein Wintersemester an der Universität in Rostock, unter Nr. 30 immatrikuliert war). Über den George Friedrich Pirscher selbst ist uns erst später, nach einer Recherche im Grünberger Wochenblatt, Ausgabe vom 19.04.1828 Nr.16, bekannt geworden, dass er nach unseren Deutungen am 04.02.1747 geboren wurde und am 13.04.1828 verstarb.1868 (?), war er als Studierender cand. Theo., Hauslehrer beim Landrat von Stenoch in Schlesien. Er blieb unverheiratet und kinderlos. Er will 1770 nach seinen eigenen Angaben Apotheker in Güstrow gewesen sein. Sein Bruder Samuel, Traugott, Friedrich Pirscher besaß eine Tischlerei in Sommerfeldt, die er von dem Vater geerbt hatte. Dessen Name war Johann Fridrich Pirscher, er war ebenso wie sein Vater und Großvater Bürger und Tischlermeister in Sommerfeldt. Diese Angaben konnten wir spärlichen Anmerkungen des Vaters und Urgroßvaters des jetzigen Eigentümers des Stammbuches, entnehmen.

Weil George Friedrich Pirscher keine eigenen Nachkommen hatte, überließ er am 01.10.1818 , lt. Berlinschen Nachrichten Nr. 121, vom 08.10.1888, die Apotheke seinem Neffen Gotthilf Walther.

Unsere Nachforschungen waren vordergründig darauf gerichtet, Erkenntnisse über die sozialen Beziehungen zwischen einer kleinen Gruppe von Güstrower Bürgern, Einwohnern, die nicht Bürger Güstrows waren und Besuchern Güstrows der Jahre 1770 bis 1778 zu erhalten. Dazu nutzten wir eine Liste von Bürgeraufnahmen in der Stadt Güstrow, die Franz Schubert aus Göttingen 1994 veröffentlichte. Der frühere Stadtsekretär Heinrich Benox, Namensgeber des Güstrower Archivs, hatte zuvor 1933 ein alphabetisches Verzeichnis unter Verwendung Güstrower Bürgermatrikel von 1600 bis 1700“ angelegt und durch die Zusammenführung mit dem „Repertorium der in Güstrow seit dem Jahre 1700 aufgenommenen Bürger“ ein wertvolles Nachschlagewerk geschaffen. Alle verwendeten Verzeichnisse liegen im Güstrower Stadtarchiv „Heinrich Benox“ vor. Diese Ausführungen machten deutlich, dass bei den Bewohnern Güstrow zwischen Bürgern, die z. B. Abgaben (Bürgergeld, Steuern ect.) entrichteten und übrigen Einwohnern, unterschieden wurde. Durch den Vergleich der Angaben im Stammbuch George Friedrich Pirschers mit der Liste der Bürgeraufnahmen (alphabetischen Namensliste) von F. Schubert, konnte erkannt werden, dass von den 50 in Güstrow getätigten Eintragungen nur 11 nachweislich von Güstrower Bürgern vorgenommen wurden. Wenngleich auch weitere Übereinstimmungen bei Nachnamen in der Liste der Bürgeraufnahmen festzustellen waren, schließen die Vornamen und Jahresangaben die Identitäten mit Unterzeichnern der Eintragungen im Stammbuch aus. Es kann sich bei den verbleibenden 39 Personen, also um Güstrower Einwohner ohne Bürgerrechte und/oder Besucher Güstrows handeln. Uns haben schließlich aber die Beschäftigung mit den Texten und das Betrachten der Bilder durchaus interessante Einblicke in spätbarocke Denkweisen einiger Güstrower Einwohner und Besucher ermöglicht.

Welch eine Verschiedenheit der Sprache und der Bilder offenbaren sich uns, wenn wir nach dem Lesen der blumigen Rhetorik in dem Stammbuch um 1775 eine Kurznachricht oder ein Selfie per Handy 2015 miteinander vergleichen.

 

Dank

Wir haben unsererseits die Leiterinnen des Güstrower Stadtarchivs "Heinrich Benox", Frau Doris Dieckow-Plassa, und des Museum der Stadt Güstrow, Frau Iris Brüdgam, um Unterstützung bei der kulturhistorischen Bewertung des Zeitzeugnisses "Stammbuch Pirscher" für Güstrow gebeten. Beide waren von dem Inhalt des Stammbuchs sehr beeindruckt, bedauerten jedoch, dass ihnen persönlich leider die Zeit für eine intensive Beschäftigung hiermit  fehle, sie aber solche für sinnvoll hielten. So haben sie uns auch bereitwillig und hilfreich beim Quellenstudium durch die Bereitstellung von Recherche-Materialien unterstützt. Dafür bedanken wir uns bei den beiden Verantwortlichen Frauen der städtischen Güstrower Einrichtungen. 

Die mit der Historie und Literatur Güstrows sehr kundige Frau Gisela Scheithauer bot uns an, die Namensliste der Güstrower Bekannten des Herrn Pirscher mit ihren persönlichen Recherche-Aufzeichnungen aus dem Bestand des Cabinet 1 des Landeshauptarchivs Schwerin abzugleichen. Wir danken ihr für diese Hilfe.

Diese zeitsparende Unterstützung nahmen wir gerne an, obwohl wir die interessante Sucharbeit vor Ort immer gerne persönlich betrieben haben. Ein Archivbesuch birgt für uns, neben dem freudvollen Blättern in alten Schriften immer auch die Hoffnung, etwas bereits neugierig Erwartetes, unbekanntes Neues oder längst Vergessenes, persönlich aufzuspüren. Darin bestand für uns immer das aufregende nachhaltige Erlebnis mühevoller Sucharbeit in den Archiven. Durch ergänzende Rückfragen beim Landeshauptachiv erfuhren wir weiter, dass dort nur Aufzeichnungen zu Güstrower Personen erfasst seien, die in irgendeiner Beziehung zum Schweriner „Hofstaat“ standen. Dieser Hinweis erklärt auch, weshalb die Liste aus dem Landesarchiv leider nur zwei Namen von Familien enthielt, deren Angehörige mit George Friedrich Pirscher in Verbindung standen. Dennoch besuchte ich einen Tag lang das LHA in Schwerin, um die Akten der Güstrower Schloss-Apotheke zu durchsuchen. Wir hatten weiterhin noch die Hoffnung, dass uns die Wirkungsstätte des Georg Friedrich Pirscher in einer Güstrower Apotheke möglich würde.

Unabhängig von den offenen Fragen, die mich weiterhin beschäftigen, sind allein schon die lyrischen, oft blumigen Texte des Barocks in der gehobenen Sprache einer gebildeten Schicht des Güstrower Bürgertums, die wir immer in der originalen Schreibweise seinerzeit und nicht nach heutigen Regeln der Rechtschreibung zu Papier brachten, sehr unterhaltsam.

Sehenswert sind auch die oft kunstvollen schriftlichen und besonders auch die graphischen Darstellungen. Es ist deutlich erkennbar, dass hier die Hilfe von sehr befähigten Mitbürgern  "Unterstützung" geleistet wurde. 

Das manche dieser Darstellungen und Texte seinerzeit von Schrift- u. Bildkünstlern vorgenommen wurden ist uns aufgefallen. Möglicherweise wurden Texte später dekorativ in Vorlagen eingefügt bzw. nachträglich schmückend ummalt wurden. Die Unterschrift und der Datierung bei vielen Texten rechtfertigen diese Annahmen, 

Wir haben die ursprünglich laut Hinweis des ersten Besitzers willkürlich vornehmbaren Eintragungen dahingehend verändert, dass wir eine zeitliche Abfolge der Eintragungen vornahmen. Unsere erste Zusammenstellung der Inskriptionen in unserer Broschüre  ist also nach der zeitlichen Datierung der Eintragungen geordnet. So lassen sich beispielsweise schon anhand der Datierungen Zusammenkünfte Pirschers mit mehreren Güstrowern zur gleichen Zeit erkennen. Dieses wiederum lässt den Schluss zu, dass sich die Bekannten Pirschers z. T. auch untereinander kannten. Häufungen von Eintragungen im Winterhalbjahr sind uns so z. B. aufgefallen.

Für den Laien ist diese Darstellungsform hilfreich.

Wir haben durch die Zusammenarbeit mit der polnischen Germanistin, Prof. habil. Dr. Jarochna Dabrowska Burkhardt, die sich mit der Stammbuchforschung beschäftigt, jedoch auch erfahren, dass gewisse literaturwissenschaftliche Aspekte dabei übersehen werden können. Bei der mühseligen Transkription der deutsch geschriebenen Texte in unsere heutige lateinische Schrift erhielten wir bereitwillig Unterstützung durch eine Güstrower Rentnerin (I. L.). Da sie jedoch anonym bleiben möchte, tragen wir hier als  Dank an sie nur ihre Initialen ein und möchten ihr auf diese Weise sehr herzlich danken.

Durch ihre Umschreibung der deutschen Eintragungen, die Übersetzung bzw. Umdichtung von drei französischen Texten durch Dr. Behrend Böckmann aus Mühl-Rosin, sowie durch Übersetzungen eines lateinischen Textes von dem Lehrer Tilman Reppekus vom Güstrower John-Brinckman-Gymnasium und eines in Hebräisch geschriebenen  jiddischen Textes mit Hilfe des evangelischen Pastors Alexander Lemke aus Teterow, wurden uns schließlich alle Texte des Stammbuches zugänglich.

Wir sind sehr erfreut darüber, dass uns durch diese freundliche Unterstützung der genannten Personen der Inhalt dieser ca.250 Jahre alten Schrift nun vollständig bekannt wurde und von uns abschließend bearbeitet werden konnte. Wir haben unsere Erkenntnisse und Gedanken zu dem Stammbuch in einer  Broschüre zusammengefasst. Dem Stadtarchiv, dem Museum und der Uwe-Johnson-Bibliothek in Güstrow wurden je ein Exemplar zur Verfügung gestellt, um auch anderen stadtgeschichtlich Interessierten einen Rückblick auf einen Teil des geistigen Lebens unserer Güstrower Vorfahren zu ermöglichen.

Wir danken noch einmal allen zuvor genannten Helfern für deren verschiedenartigen Mitwirkungen bei der Fertigstellung dieser Broschüre. Eingeschlossen in unser Dankeschön sind auch die in der Druckerei der Güstrower Werkstätten tätigen Beschäftigten, die unter der Leitung von Herrn Gerhard Wintzer ein ansehnliches Druckerzeugnis herstellten.

Hier auf unserer WEB-Seite wird versucht, mithilfe einer Übersicht (Excel-Tabelle) unterschiedliche Sichtweisen auf das Stammbuch und ihre Gestalter zu ermöglichen. 

Wir hoffen auf diese Weise zu einer übersichtlichen Betrachtung  der einerseits spontan erfolgten Anordnung der teilweise multimedialen Eintragungen (hier Text und Bild), als auch der zeitlich exakt nacheinander vorgenommenen Inskriptionen  beizutragen.

Dieter Kölpien und Gernot Moeller (†)

Der Eigentümer des Stammbuches des George Friedrich Pirscher hat inzwischen weitere Lebensdaten seines Vorfahren auf Grundlage seiner Internet-Recherchen ermittelt und mir übermittelt:

- Lebenszeit des G.F. Pirscher 04.02.1747-13.04.1828 in Grünberg,
  (veröffentlicht im Grünberger Wochenblatt)

- Pirscher hatte allem Anschein nach, keine eigene Apotheke in Güstrow, sondern war angestellt bei einem Güstrower Apotheker und hat sich hier möglicherweise weitergebildet.(Unsere Vermutungen deuten in Richtung Schloss-Apotheke Güstrow). Seit 1776 besaß er eine eigene Apotheke in Grünberg. In einem polnischen Buch über das Krankenhaus in Grünberg wird zu den Apotheken in Grünberg ausgeführt, dass es dort Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Apotheken gab. Eine war seit 1774 Eigentum des Apothekers Elsner. Die andere Apotheke
(Löwenapotheke) kaufte Pirscher aus Sommerfeld (Lubsko)
.

- Ende des 18. Jahrhunderts besaß Pirscher beide Apotheken.

- Das Apothekengesetz zwang ihn nach der Jahrhundertwende eine
  Apotheke wieder aufzugeben. 
  2017, die örtliche Zeitung in Grünberg (Schlesien) teilt mit, dass nach 400 Jahren die Löwenapotheke in Zielona Gora geschlossen wurde.

- Da Pirscher wahrscheinlich bis 1778 in Güstrow tätig war, muss er nach dem Kauf der Apotheke in Grünberg zwischen Februar 1776 und 1778 zwischen Güstrow und Grünberg gependelt sein. 776 sind in Güstrow nur zwei Eintragungen in dem Stammbuch erfolgt.

- Pirscher muss zu diesem Zeitraum recht bekannt und vermögend gewesen sein.  

- 1826 Seine Pirscherschen Stiftungen wurden durch eine wohlwollende Erwähnung durch den preußischen König Friedrich Wilhelm gewürdigt.
 

- Im "Nekrolog der Deutschen" von 1830 wurde Pirscher erwähnt. 
- Der Verkauf seiner Apotheke aus Altersgründen an seinen Neffen Gotthilf
  Walther wurde in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und
  gelehrten Sachen Nr. 121, Donnerstag 8. Okt. 1818 und Nr. 123 inseriert.
-Trotz des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonszeit, die seine Heimat Niederschlesien stark betrafen, war er ein sehr umtriebiger Mensch. 
 

An dieser Stelle soll noch in diesem Jahr  eine Tabelle eingefügt werden, die eine weitergehende  Analyse der gesamten Stammbuchdaten ermöglichen wird!
Die nachstehenden Veröffentlichungen werden als vervollständigt und erweitert.

2018, ganz Aktuelles zu Georg Friedrich Pirscher

Wir sind beeindruckt von den präzisen und sehr gut erhaltenen Darstellungen der Details auf vielen Blättern und vermuten, dass manche Seiten wohl von Güstrower Künstlern zusätzlich gestaltet wurden.

(Apotheker haben natürlich Heilpflanzen exakt gezeichnet und beschrieben, andere Möglichkeiten der Dokumentation gab es damals nicht. Leider sind die Bilder nicht signiert).

Vielfach sind die bildlichen Darstellungen von den Texten getrennt geschaffen worden, so dass die Vermutung besteht, dass die Textschreiber nicht auch die Zeichner der Bilder waren.

Eine große Überraschung
2019 erhielt ich einen Anruf von der polnischen Frau Prof. habil. Dr. Jarochna Dabrowska-Burckhard  von der Fakultät für Germanistik der Universität Zielona Gora zu unserer Stammbuchforschung. Wir stellten fest, dass sie als gebürtige Einwohnerin von Zielona Gora (ehemals Grünberg) zu einer Person forscht, die mit unserem Stammbuchhalter bekannt sein könnte.
Dieser Sachverhalt konnte durch den detaillierten Datenaustausch zu den Personen eindeutig bestätigt werden. Der Vater der Professorin Dr. Stefan Dabrowski und der mit der Familie befreundete Historiker Dr. Stanislaw Kowalski haben eine Grafik im dem Stammbuch Pirscher vom Rathaus von Zielona Gora als historisch wertvolle, bisher unbekannte Darstellung erkannt. Diese Feststellung führte zu einer Einladung im August 2019 durch die Professorin nach Zielona Gora die das Ehepaar Müschner und ich wahrnahmen. In einer Presseveranstaltung  wurden  unsere  Erkenntnisse der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt. Die Erkenntnisse wurden in großer Aufmachung als Sensation bezeichnet.
Über dieses Ereignis wurde in einem deutsch- polnischen  Beitrag im Güstrower Jahrbuch 2020 durch Jarochna Dabrowska-Burkhardt,  Dieter Kölpien und Michael Müschner berichtet. 

Auf dem Foto (vl): Jarochna  Dabrowska-Burkhardt, Dieter Kölpien, Miloslava Dabrowska, Stefan Dabrowski