15.2 Ein Blick in ein ca. 250 Jahre altes "Stammbuch eines der Apothekerkunst Beflissenen, aus Sommerfeld in der Lausitz gebürtig"

Wir ermöglichen an dieser Stelle einen kulturhistorisch interessanten Einblick in ein 310 Seiten umfassendes Stammbuch, welches ca. 50 Eintragungen Güstrower Bürger zwischen 1770 und 1778 enthält.
Dieses Stammbuch gehörte einst dem "der 
Apothekerkunst beflissenen" George Friedrich Pirscher, der offensichtlich zwischen 1770 bis 1778 in Güstrow lebte und aus Sommerfeld (Schlesien), jetzt  Lubsko in Polen, stammte. Dieser Blick in das das Stammbuch, es würde heute auch Poesie-Album genannt, wurde uns durch einen in der Nähe Berlins lebenden Nachfahren, Michael Müschner, des G. F.  Pirscher, ermöglicht.
Herr Michael Müschner, der diese unsere WEB-Site besuchte und unsere stadtgeschichtlichen Ausführungen interessant fand, hat uns über seinen Familienschatz sehr detailliert informiert und hofft durch uns Güstrower, Hinweise auf das Leben seines Ahnen in unserer Region zu erhalten. Er hatte zuvor festgestellt, dass 53 von 79 Eintragungen in dem Stammbuch seines Vorfahren in Güstrow vorgenommen wurden und uns seine Unterlagen zugeleitet. Diese Informationen haben unser Interesse
geweckt (Siehe auch nachfolgende Tabellen).
Auf un
sere Bitte erhielten wir neben den Kopien der Stammbuchseiten auch eine von Müschner erstellte Namensliste der 
Bürger, die Eintragungen in das Stammbuch vornahmen, bereitwillig übersandt. Er wünschte uns für unsere gemeinsamen Recherchen interessante Erkenntnisse und viel Erfolg.
Das Stammbuch ist neben den schmuckvollen textlichen Eintragungen meistens in deutscher Schrift mit ca. 20 bildlichen Darstellungen, die nur teilweise zu den Texten gehören, ausgestaltet. 

Wir haben unsererseits die Leiterinnen des Güstrower Stadtarchivs "Heinrich Benox", Frau Doris Dieckow-Plassa und des Museum der Stadt Güstrow, Frau Iris Brüdgam, um Unterstützung bei der kulturhistorischen Bewertung des Zeitzeugnisses "Stammbuch Pirscher" für Güstrow gebeten. Beide waren von dem Stammbuch sehr beeindruckt. 
In dem Namensverzeichnis Güstrower Apotheker, welches der Stadtgeschichtler Wilhelm Mastaler erstellte, befindet sich jedoch kein Hinweis auf George Friedrich Pirscher.
Wir suchen also weiter nach Spuren des G.F.P. in Güstrow und versuchen auch Angaben zu den Personen zu finden, die Eintragungen in dieses Stammbuch vornahmen.
Über den George Friedrich Pirscher ist bisher nur bekannt, dass er wahrscheinlich 1768 als cand. theol. Hauslehrer beim Landrat von Stenoch war. 1770 soll er Apotheker in Güstrow Mecklenburg gewesen sein. Diese Angaben enthalten Aufzeichnungen von den Nachkommen des G.F.P.  Unsere Nachforschungen ergaben, dass ein Vorfahre mit dem Namen Tobias Pirscher des G.F.P. 1649/1650 für ein Wintersemester  an der Universität in Rostock unter Nr. 30 immatrikuliert war.  

Die Führung eines Stammbuches hatte, wie wir inzwischen wissen, folgenden Sinn:
In Stammbüchern versicherten sich Personen ihrer gegenseitigen Freundschaft und Wertschätzung. Hierzu wurden die autographischen Eintragungen teilwiese neben schmuckvollen Handschriften oft auch mit zeichnerischen Aussagen verziert.

Diese Eintragungen kamen nach der Reformation in Mode und waren daher bei protestantischen Studenten bis Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeprägt.
Die später aufkommenden Poesiealben weisen mit den Stammbüchern Ähnlichkeiten auf. Die Eintragungen erfolgten meist anlässlich besonderer Ereignisse. Wir können uns z. B. an Eintragungen in Poesiealben anlässlich der Konfirmation, des Schulabschlusses und Geburtstagen erinnern, die uns unsere Eltern, vorwiegend die Mütter zeigten.
Indem man (oft gegenseitig) ein Blatt in einem Album ausfüllte, wurden Freundschaft und Wertschätzung bekundet. Diese Eintragungen konnten - etwa bei einem Wiedersehen oder aus Anlass eines Festes - bestätigt werden. Auf diese Weise hatten die Besitzer der Stammbücher bis an ihr Lebensende eine autographische Erinnerung an vergangenen Lebensabschnitte und an Personen mit hohem Ansehen, die sie selbst verehrten und wertschätzten. (Eltern, Freunde, Lehrer, Schulkameraden und andere verehrte Personen)

Eine erste Analyse der Eintragungen im Stammbuch George Friedrich Pirscher  (G. F. P.) erfolgten durch Michael Müschner, einem Nachfahren des G. F. P. und jetzigem Besitzer des Stammbuches. Er hatte die Häufung der Eintragungen von Güstrowern in dem Stammbuch bemerkt und daher Kontakt zu uns über unsere Güstrower WEB-Site  aufgenommen, weil er unser vielseitiges stadtgeschichtliches Interesse für unsere Heimatstadt bemerkte. Für diese Kontaktaufnahme sind wir Herrn Michael Müschner sehr dankbar.



1770

1771

1773

1774

1775

1776

1777

1778

Anzahl der Eintragungen pro Jahr

            
                 2

                11

                 2

                11

                14

                 2

                 9

                 2



Anzahl der erfolgten Eintragungen in das Stammbuch in den nachstehend genannten Orten


Güstrow       53
Rostock       12
Vielist           1
Wa(h)ren      2
Grünberg     5
Bützow         3


Wir erhielten auch eine Namensliste Güstrower Bürger oder in Güstrow anwesende Bürger aus der Region, die in den Jahren 1870 bis 1878 Eintragungen in dem Stammbuch von George Friedrich Pirscher vornahmen und dieselben zum Teil mit Grafiken verschönerten oder verschönern ließen(?).

Ein Blick auf die Umschlagsseiten und den Buchrücken des Stammbuches G.F. P.  (George Friedrich Pirscher)

                                     Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Buchrücken des Stammbuches
Buchrücken des Stammbuches

Inzwischen haben wir eine Broschüre erstellt und diese mit Zustimmung von Herrn Müschner, dem Stadtarchiv, dem Museum und der Bibliothek in Güstrow (je ein Exemplar) zur Verfügung gestellt.

Das erste Blatt des Stammbuches von George  Friedrich Pirscher enthält einen Gruß seines Bruders Samuel Traugott Pirscher, danach wendet sich der Eigentümer G. F. Pirscher mit einem Text an die Freunde, deren Einträge in das Stammbuch er erbittet.,

Wir fügen auf dieser WEB-Seite unsere
Vorbemerkungen zu der Broschüre und einige Einträge von vorwiegend Güstrower Bürgern oder damals hier weilenden Besuchern aus dem Stammbuch hinzu.
 
Alle aus dem Stammbuch eingefügten transkribierten Texte werden hier exakt in der Schreibweise wiedergegeben, wie sie in den Originalen von 1770 bis 1778 enthalten sind.

Wir danken der hilfsbereiten 83-jährigen Güstrowerin
Ingeborg L.
(sie wollte ungenannt bleiben) für die Transkription der in deutscher Schrift geschriebenen alten Texte, deren "Übertragung" für uns sehr hilfreich war.



 

Vorbemerkungen
Mit dieser Studie über ein Stammbuch versuchen wir einen kulturhistorischen Rückblick in den Güstrower Bekanntenkreis eines gebildeten preußischen Bürgers zu ermöglichen, welcher zwischen 1770 bis 1778 in unserer Heimatstadt lebte und engere Bekanntschaften zu ca. 50 Güstrower Einwohnern und Besuchern Güstrows unterhielt. Dieses Stammbuch gehörte einst, wie sein erster Eigentümer zu Beginn des Buches erklärte, dem "der Apothekerkunst beflissenen" George Friedrich Pirscher, der eine kurze Zeitlang in Güstrow lebte und aus Sommerfeld in der damaligen preußischen Provinz Brandenburg in der Niederlausitz (jetzt Lubsko in Polen) stammte. Dieser Blick in das Stammbuch des George Friedrich Pirschers, wurde uns durch einen in Berlin lebenden Nachfahren ermöglicht. Dieser erbte das Buch von einer Tante, die aus der weiblichen Nachkommenschaft des Bruders des ersten Eigentümers stammte. G. F. Pirscher selbst blieb unverheiratet und kinderlos. Eine lückenlose Rückverfolgung dieser Linie ist dem jetzigen Eigentümer des Stammbuches, Herr Michael Münschner, nicht gelungen und ist auch durch uns nicht beabsichtig. Herr Münschner, der unsere Internetseite (www.stadtgeschichte-guestrow.de) besuchte, wurde durch unsere stadtgeschichtlichen Aufzeichnungen zu einer Kontaktaufnahme mit uns angeregt und hat uns über seinen Familienschatz zum Jahresbeginn 2015 sehr detailliert informiert. Er erhoffte durch uns Hinweise auf das Leben und Wirken seines Ahnen in Güstrow zu erhalten. Seine Informationen fanden wegen der namentlichen Benennung von ca. 50 Personen aus dem Umfeld seines Vorfahren mit Beziehungen zu Güstrow auch unser stadtgeschichtliches Interesse. Unsere erwartungsvolle Einbindung in Nachforschungen zum Leben und Wirken George Friedrich Pirschers in Güstrow durch Herrn Michael Müschner, erforderte von uns die Beschäftigung mit Personen und deren Lebensverhältnissen in unserer Heimatstadt zwischen 1770 und 1778, also der Zeit des Spätbarocks und des Übergangs zum Rokoko.
Mit solcher Art
Recherchen zu einer Gruppe von Personen bewegten wir uns auf Neuland. Bislang stand meistens die Beschäftigung mit der Technikgeschichte und Einzelpersonen in unserer Region im Mittelpunkt unserer geschichtlichen Studien. Die Wenigsten von uns können es sich heute vorstellen, dass auch einmal Männer mit gepuderten Perücken und Zöpfen daran und Frauen mit Reifröcken durch Güstrows Straßen spazierten. Wir konnten es auch nicht, aber es war einmal so.

 

Zur Erinnerung einige Informationen zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts im damaligen Herzogtum Mecklenburg-Schwerin.
Es ist bekannt,
- dass die beiden mecklenburgischen Herzogtümer durch einen internen Erbvertrag, Preußen an einer beabsichtigten direkten Machtübernahme in Mecklenburg gehindert hatten.
- dass durch ein Abkommen auf Initiative Preußens, unter Umgehung eines europäischen Krieges, die Aufteilung Polens auf Russland, Preußen und Österreich geregelt worden war.
- dass der Siebenjährige Krieg
(1756–1763) zwischen Österreich und Preußen, mit dem Charakter eines Weltkrieges, alle europäischen Mächte und die Bevölkerung Europas katastrophal geschwächt hatte.
- Die Auseinandersetzungen betrafen sehr stark die preußische Provinz Schlesiens, in der auch G. F. Pirscher aufwuchs und zeitweise lebte.
- Im Herzogtum Mecklenburg-Schwerin regierte in der Zeit von 1756 - 1785 Herzog Friedrich der Fromme (1717 – 1785), 2. Sohn seines Vorgängers, Herzog Christian Ludwig II., der seine Mecklenburger tüchtig ausbeutete, damit er seine Haushaltung am Hofe des französischen Sonnenkönigs Ludwig des XIV. ansehnlich gestalten konnte.
- Gegen Friedrichs Widerspruch wurde Mecklenburg-Schwerin auf Grund des Reichsrechts von preußischen Truppen besetzt. Da Herzog Friedrich den Schweden den Durchzug durch Mecklenburg-Schwerin erlaubte, stellte er sich direkt gegen Preußen und war dadurch passiv in den Siebenjährigen Krieg hineingelangt. Daraufhin musste er sein Land zwischen 1757 bis 1763 verlassen und hielt sich in Lübeck auf. Nach dem Friedensschluss musste Mecklenburg-Schwerin hohe finanzielle Abgaben an Preußen entrichten. Weil die Stadt Rostock die Zahlungen verweigerte, verlegte Friedrich 1760 einen Teil der Rostocker Universität nach Bützow.
- Seit seiner Eheschließung (1764) mit Louise Friederike, Tochter des Erbprinzen Ludwig von Württemberg-Stuttgart, verlegte er seine Residenz von Schwerin nach Ludwigslust.

- Ein politisches Parlament gab es in Mecklenburg nicht. Zur Beratung und Meinungsbildung tagte im Rhythmus von zwei Jahren ein gemeinsamer Landtag des Adels beider Mecklenburgischen Herzogtümer im Wechsel zwischen Sternberg und Malchin.
- Bürgermeister der Stadt Güstrow war von1751 bis 1800  Dr. Joachim Spalding.


Einige berühmte Personen, die um 1770-1778 in Mecklenburg lebten.
- In Ludwigslust schufen der Baumeister Johann Joachim Busch (1720 -1802) und der Papierfabrikant Johann Georg Bachmann (1738 – 1818) einen prunkvollen Herrschersitz für Herzog Friedrich aus Sandstein und Pappmache.
- Georg Leberecht Blücher (1742 – 1819), geriet als schwedischer Husarenjunker während des Siebenjährigen Krieges in preußische Gefangenschaft und wurde für das Heer der Preußen angeworben. Nachdem er wegen Meinungsverschiedenheiten mit einem Vorgesetzten um 1773 seine Entlassung als Rittmeister aus dem preußischen Heer erwirkte, arbeitete er als Ökonom.
- Johann Heinrich Voß (1751 – 1826), Hauslehrer bei von Oertzen in Ankershagen, übersetzte später Homers Ilias.
- Sophie Charlotte zu Mecklenburg- Strelitz (1744 – 1818) lebte zunächst in bescheidenen Verhältnissen in Mirow. Die Schwester des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz wurde von Madame de Grabow, einer gebürtigen Güstrowerin, unterrichtet. Charlotte beherrschte mehrere Sprachen, war naturwissenschaftlich und musisch gebildet und hatte sich in einem Brief an den preußischen König kritisch über das Benehmen seiner Soldaten in ihrem Land beklagt. Hiervon erfuhr der englische Prinz George und nahm ihre Haltung zum Anlass, um durch einen Gesandten um ihre Hand anhalten zu lassen. Ein Ehevertrag kam zustande und 1761 wurde die Ehe geschlossen.

 

- Ein interessantes Abbild der Lebensverhältnisse in der Region um Güstrow vermittelte seinerzeit der englische Gelehrte und Historiker Thomas Nugent. Ihm war die mecklenburgische Geschichte bereits aus früheren Studien bekannt, als er 1766 die Heimat der späteren englischen Königin Charlotte bereiste. Diese war am 19.05.1744 als Sophie Charlotte, Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, in Mirow geboren. 1761 wurde sie durch die Heirat mit dem englischen König George III., als Königin Charlotte, Königin von Großbritannien und Irland und Kurfürstin (später auch Königin) von Hannover. Vor dieser Verbindung interessierten sich die Briten für die beiden mecklenburgischen Residenzen. Mehrere Monate bereiste Thomas Nugent die beiden Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Er hielt sich unter anderem in Wismar, Ludwigslust, Schwerin, Rostock, Doberan, Güstrow, Bützow, Wa(h)ren, Neustrelitz, Mirow und Neubrandenburg sowie in vielen kleinen weiteren Orten auf.
Ein Ausflug zu Fuß führte ihn auch von Güstrow über Bülower-Burg nach Bülow.
Er schrieb hierüber in „Reisen durch Deutschland und vorzüglich durch Mecklenburg“ in seinen 1781/82 in deutscher Fassung veröffentlichten Reisebriefen an einen Freund(zuletzt herausgegeben von Sabine Bock und 1998 im Schweriner Verlag Thomas Helms erschienen).

 

 „Auf halbem Wege trafen wir auf einen angenehmen Lustort, der Brunnen (bei Güstrow in der Nähe Bülow-Burgs - die Autoren-) genannt, der von einer vortrefflichen und sehr gesunden Quelle, die in dieser Gegend entspringt, den Namen haben soll. Inzwischen wird dieser Ort doch nur vorzüglich um des schönen Weins willen, den man hier haben kann, besucht, und auch wegen der vortrefflichen Alleen und Spaziergänge, die hier dicht, an einem angenehmen See liegen“.

 

In Stammbüchern versicherten sich Personen ihrer gegenseitigen Wertschätzung und Freundschaft.
Hierzu wurden die autographischen Eintragungen teilweise neben schmuckvollen Handschriften oft auch mit zeichnerischen Aussagen verziert. Diese Eintragungen kamen nach der Reformation in Mode und waren daher zunächst bei protestantischen Studenten bis Anfang des 19. Jahrhunderts ausgeprägt. Die später aufkommenden Poesiealben weisen mit den Stammbüchern Ähnlichkeiten auf. Die Eintragungen erfolgten meist anlässlich besonderer Ereignisse. Wir können uns z. B. an Eintragungen in Poesiealben anlässlich der Konfirmation, des Schulabschlusses und Geburtstagen erinnern, die uns unsere Eltern, vorwiegend die Mütter zeigten.

Indem man (oft gegenseitig) ein Blatt in einem Album ausfüllte, wurden Wertschätzung undFreundschaft bekundet. Diese Eintragungen konnten, etwa bei einem Wiedersehen oder aus Anlass eines Festes, bestätigt werden. Auf diese Weise hatten die Besitzer der Stammbücher bis an ihr Lebensende eine autographische Erinnerung an vergangene Lebensabschnitte und an Personen mit hohem Ansehen, die sie selbst verehrten und wertschätzten.

Über das Stammbuch G.F. Pirscher
Das Original-Stammbuch des G.F.P., in den Abmessungen 16,5 cm x 21 cm, enthält ca. 300 Blätter und ist neben 79 schmuckvollen und oft nur schwer entzifferbaren handschriftlichen Eintragungen in den Jahren 1770 bis 1778 in deutscher Schrift verfasst worden. Es enthält auch weiterhin ca. 20, (mit einer Ausnahme) nicht signierten bildlichen Darstellungen, die wiederum nur teilweise in Beziehung zu den Texten stehen. Etwa die Hälfte der sporadisch beschriebenen Seiten blieb unbeschrieben.
Alle 79 handschriftlichen Eintragungen wurden transkribiert. Die 50 in Güstrow vorgenommenen Eintragungen wurden durch uns besonders analysiert.
In dem Namensverzeichnis Güstrower Apotheker, welches der Güstrower Stadtgeschichtler Wilhelm Mastaler einst erstellte und welches im Güstrower Stadtarchiv “Heinrich Benox“ vorliegt, befindet sich kein Hinweis auf einen Apotheker George Friedrich Pirscher.
Wir suchten weiter nach Spuren des G.F.P. in Güstrow und bemühten uns auch Angaben zu den Familien zu finden, von denen Angehörige Eintragungen in diesem Stammbuch vornahmen. Die Ergebnisse unserer Nachforschungen erfüllten unsere Erwartungen nicht. (Wir vermuten lediglich, dass ein möglicher Vorfahre mit dem Namen Tobias Pirscher 1649/1650 für ein Wintersemester an der Universität in Rostock, unter Nr. 30 immatrikuliert war). Über den George Friedrich Pirscher selbst ist uns erst später, nach einer Recherche im Grünberger Wochenblatt, Ausgabe vom 19.04.1828 Nr.16, bekannt geworden, dass er nach unseren Deutungen am 04.02.1747 geboren wurde und am 13.04.1828 verstarb.1968 (?), war er als Studierender cand. Theo., Hauslehrer beim Landrat von Stenoch. Er blieb unverheiratet und kinderlos. Er will 1770 nach seinen eigenen Angaben Apotheker in Güstrow gewesen sein. Sein Bruder Samuel, Traugott, Friedrich Pirscher besaß eine Tischlerei in Sommerfeldt, die er von dem Vater geerbt hatte. Dessen Name war Johann Friedrich Pirscher, er war ebenso wie sein Vater und Großvater Bürger und Tischlermeister in Sommerfeldt. Diese Angaben konnten wir spärlichen Anmerkungen des Vaters und Urgroßvaters des jetzigen Eigentümers des Stammbuches, entnehmen.
Weil George Friedrich Pirscher keine eigenen Nachkommen hatte, überließ er am 01.10.1818 , lt. Berlinschen Nachrichten Nr. 121, vom 08.10.1888, die Apotheke seinem Neffen Gotthilf Walther.
Unsere Nachforschungen waren vordergründig darauf gerichtet, Erkenntnisse über die sozialen Beziehungen zwischen einer kleinen Gruppe von Güstrowern Bürgern, Einwohnern, die nicht Bürger Güstrows waren und Besuchern Güstrows der Jahre 1770 bis 1778 zu erhalten. Dazu nutzten wir eine Liste von Bürgeraufnahmen in der Stadt Güstrow, die Franz Schubert aus Göttingen 1994 veröffentlichte. Der frühere Stadtsekretär Heinrich Benox, Namensgeber des Güstrower Archivs, hatte zuvor 1933 ein alphabetisches Verzeichnis unter Verwendung Güstrower Bürgermatrikel von 1600 bis 1700“ angelegt und durch die Zusammenführung mit dem „Repertorium der in Güstrow seit dem Jahre 1700 aufgenommenen Bürger“ ein wertvolles Nachschlagewerk geschaffen. Alle verwendeten Verzeichnisse liegen im Güstrower Stadtarchiv „Heinrich Benox“ vor. Diese Ausführungen machten deutlich, dass bei den Bewohnern Güstrow zwischen Bürgern, die z. B. Abgaben (Bürgergeld, Steuern ect.) entrichteten und übrigen Einwohnern, unterschieden wurde. Durch den Vergleich der Angaben im Stammbuch George Friedrich Pirschers mit der Liste der Bürgeraufnahmen (alphabetischen Namensliste) von F. Schubert, konnte erkannt werden, dass von den 50 in Güstrow getätigten Eintragungen nur 11 nachweislich von Güstrower Bürgern vorgenommen wurden. Wenngleich auch weitere Übereinstimmungen bei Nachnamen in der Liste der Bürgeraufnahmen festzustellen waren, schließen die Vornamen und Jahresangaben die Identitäten mit Unterzeichnern der Eintragungen im Stammbuch aus. Es kann sich bei den verbleibenden 39 Personen also um Güstrower Einwohner ohne Bürgerrechte und/oder Besucher Güstrows handeln. Uns haben schließlich aber die Beschäftigung mit den Texten und das Betrachten der Bilder durchaus interessante Einblicke in spätbarocke Denkweisen einiger Güstrower Einwohner und Besucher ermöglicht.
Welch eine Verschiedenheit der Sprache und der Bilder offenbaren sich uns, wenn wir nach dem Lesen der blumigen Rhetorik in dem Stammbuch um 1775 eine Kurznachricht oder ein Selfie per Handy 2015 miteinander vergleichen.

 

Dank
Wir haben unsererseits die Leiterinnen des Güstrower Stadtarchivs "Heinrich Benox", Frau Doris Dieckow-Plassa, und des Museum der Stadt Güstrow, Frau Iris Brüdgam, um Unterstützung bei der kulturhistorischen Bewertung des Zeitzeugnisses "Stammbuch Pirscher" für Güstrow gebeten. Beide waren von dem Inhalt des Stammbuchs sehr beeindruckt, bedauerten jedoch, dass ihnen persönlich leider die Zeit für eine intensive Beschäftigung hiermit  fehle, sie aber solche für sinnvoll hielten. So haben sie uns auch bereitwillig und hilfreich beim Quellenstudium durch die Bereitstellung von Recherche-Materialien unterstützt. Dafür bedanken wir uns bei den beiden Leiterinnen der städtischen Güstrower Einrichtungen. 

Frau Gisela Scheithauer bot uns an, die Namensliste der Güstrower Bekannten des Herrn Pirscher mit ihren persönlichen Recherche-Aufzeichnungen aus dem Bestand des Cabinet 1 des Landeshauptarchivs Schwerin abzugleichen. Wir danken ihr für diese Hilfe.
Diese zeitsparende Unterstützung nahmen wir gerne an, obwohl wir die interessante Sucharbeit vor Ort immer gerne persönlich betrieben haben. Ein Archivbesuch birgt für uns, neben dem freudvollen Blättern in alten Schriften immer auch die Hoffnung, etwas bereits neugierig Erwartetes, unbekanntes Neues oder längst Vergessenes, persönlich aufzuspüren. Darin bestand für uns immer das aufregende nachhaltige Erlebnis mühevoller Sucharbeit in den Archiven. Durch ergänzende Rückfragen beim Landeshauptachiv erfuhren wir weiter, dass dort nur Aufzeichnungen zu Güstrower Personen erfasst seien, die in irgendeiner Beziehung zum Schweriner „Hofstaat“ standen. Dieser Hinweis erklärt auch, weshalb die Liste aus dem Landesarchiv leider nur zwei Namen von Familien enthielt, deren Angehörige mit George Friedrich Pirscher in Verbindung standen. Wir hatten jedoch weiterhin noch Hoffnung, dass uns vielleicht aus zwei noch zu sichtenden Quellen im Güstrower Stadtarchiv Erkenntnisse möglich würden.
Unabhängig von den möglichen Erkenntnissen aus diesen Quellen sind allein schon die lyrischen, oft blumigen Texte des Barocks in der gehobenen Sprache einer gebildeten Schicht des Güstrower Bürgertums, die wir neben den Originalen, manchmal nach heutigen Regeln der Rechtschreibung, zu Papier brachten, sehr unterhaltsam.
Erstaunlich sind auch die teilweise kunstvollen schriftlichen und besonders die graphischen Darstellungen.
Wir vermuten, dass manche diese Darstellungen seinerzeit von Schrift- u. Bildkünstlern vorgenommen wurden und Texte möglicherweise später dekorativ in Vorlagen eingefügt bzw. nachträglich schmückend ummalt wurden.
Wir haben die ursprünglich laut Hinweis des ersten Besitzers willkürlich vornehmbaren Eintragungen verändert. Unsere Zusammenstellung ist nach der zeitlichen Datierung der Eintragungen geordnet. So lassen sich beispielsweise schon anhand der Datierungen Zusammenkünfte Pirschers mit mehreren Güstrowern zur gleichen Zeit erkennen. Dieses wiederum lässt den Schluss zu, dass sich die Bekannten Pirschers z. T. auch untereinander kannten. Häufungen von Eintragungen im Winterhalbjahr sind uns so z. B. aufgefallen. Bei der mühseligen Transkription der deutsch geschriebenen Texte in unsere heutige lateinische Schrift erhielten wir bereitwillig Unterstützung durch eine Güstrower Rentnerin (I. L.). Da sie jedoch anonym bleiben möchte, tragen wir hier zum Dank nur ihre Initialen ein und möchten ihr auf dies Weise sehr herzlich danken.

Durch ihre Umschreibung der deutschen Eintragungen, die Übersetzung bzw. Umdichtung von drei französischen Texten durch Dr. Behrend Böckmann aus Mühl-Rosin, sowie durch Übersetzungen eines lateinischen Textes von dem Lehrer Tilman Reppekus vom Güstrower John-Brinckman-Gymnasium und eines in Hebräisch geschriebenen  jiddischen Textes mit Hilfe des evangelischen Pastors Alexander Lemke aus Teterow, wurden uns schließlich alle Texte des Stammbuches zugänglich.


Wir sind sehr erfreut darüber, dass uns durch diese freundliche Unterstützung der genannten Personen der Inhalt dieser ca.230 Jahre alten Schrift nun vollständig bekannt wurde und von uns abschließend bearbeitet werden konnte. Wir haben unsere Erkenntnisse und Gedanken zu dem Stammbuch in dieser Broschüre zusammengefasst. Dem Stadtarchiv, dem Museum und der Uwe Johnson-Bibliothek werden Exemplare zur Verfügung stehen, um auch anderen stadtgeschichtlich Interessierten einen Rückblick auf  das geistige Leben
unserer  Güstrower Vorfahren zu ermöglichen.

Wir danken noch einmal allen zuvor genannten Helfern für deren verschiedenartige Mitwirkung bei der Fertigstellung dieser Broschüre. Eingeschlossen in unser Dankeschön sind auch die in der Druckerei der Güstrower Werkstätten tätigen Beschäftigten, die unter der Leitung von Herrn Gerhard Wintzer ein ansehnliches Druckerzeugnis herstellten.

                                                                                    Dieter Kölpien und Gernot Moeller (†)



 Es ist mir ein herzliches Bedürfnis an dieser Stelle ganz besonders meinem Freund                              
                              Gernot Moeller
,
mit dem mich neben einem langen gemeinsamen Berufsleben auch 15 Jahre stadtgeschichtlicher Forschungen verbanden, für sein beständiges und gewissenhaftes Mitwirken bis zu seiner letzten Lebensphase an allen unseren Forschungen zu danken. Unsere Freundschaft bescherte uns eine Vielzahl außergewöhnlich inhaltsreicher Erlebnisse. Anfangs schrieben wir die Ergebnisse unserer Studien auf Papier und stellten sie Archiven, Bibliotheken und Museen in unserer Region zur Verfügung. Zuletzt  veröffentlichten wir unsere Arbeiten auch auf unserer Internetseite und erreichten damit weiter Interessenten. ( www.stadtgeschichte-guestrow.de). Die uns immer wieder mobilisierende sinnvolle gemeinsame Ausgestaltung unseres Ruhestandes durch die Beschäftigung mit der Geschichte unserer Heimatstadt Güstrow hat uns beiden, vielleicht gerade wegen der mühevollen Kleinarbeit, immer gut getan und auch geholfen, mit unterschiedlichen leidvollen persönlichen Zeiten zurecht zukommen.

Am 15. Februar 2016 erlag mein Freund Gernot einem langjährigen Krebsleiden. Ihm zu Ehren führte ich unser „letztes Projekt“ mit Sorgfalt zu Ende.
Gernot, ick segg die nu Adschüss! Dien Läbenstied is nu vörbie, doch denken dau ich oft an die.


Güstrow im April 2016

 

2018, ganz Aktuelles zu Georg Friedrich Pirscher

Der Eigentümer des Stammbuches des George Friedrich Pirscher hat inzwischen weitere Lebensdaten seines Vorfahren auf Grundlage seiner Internet-Recherchen ermittelt und mir übermittelt:
- Lebenszeit des G.F. Pirscher 04.02.1747-13.04.1828 in Grünberg,
  (veröffentlicht im Grünberger Wochenblatt)
- Pirscher hatte allem Anschein nach, keine eigene Apotheke in Güstrow, sondern war angestellt bei einem Güstrower Apotheker und hat sich hier möglicherweise weitergebildet.
- Seit 1776 besaß er eine eigenen Apotheke in Grünberg. In einem polnischen Buch über das Krankenhaus in Grünberg wird zu den Apotheken in Grünberg ausgeführt, dass es dort Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Apotheken gab. Eine war seit 1774 Eigentum des Apothekers Elsner. Die andere Apotheke (Löwenapotheke) kaufte Pirscher aus Sommerfeld (Lubsko).
- Ende des 18. Jahrhunderts besaß Pirscher beide Apotheken.
- Das Apothekengesetz zwang ihn nach der Jahrhundertwende eine
  Apotheke wieder aufzugeben. 
- 2017, die örtlich Zeitung teilt mit, dass nach 400 Jahren die
 Löwenapotheke in Zielena Gora geschlossen wurde.
- Da Pirscher wahrscheinlich bis 1778 in Güstrow tätig war, muss er nach
  dem Kauf der Apotheke in Grünberg zwischen Februar 1876 und 
 1778 zwischen Güstrow und Grünberg gependelt sein. 1776 sind in
 Güstrow nur zwei Eintragungen in dem Stammbuch erfolgt.
- Pirscher muss zu diesem Zeitraum recht bekannt und vermögend
 gewesen sein.  
- 1826 Seine Pirscherschen Stiftungen wurden durch eine wohlwollende
   Erwähnung durch Kaiser Friedrich Wilhelm gewürdigt. 

- Im "Nekrolog der Deutschen" von 1830 wurde Pirscher erwähnt. 
- Der Verkauf seiner Apotheke aus Altersgründen an seinen Neffen Gotthilf
  Walther wurde in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und
  gelehrten Sachen Nr. 121, Donnerstag 8. Okt. 1818 und Nr. 123 inseriert.
-Trotz des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonszeit, die seine 
  Heimat stark betrafen, war er ein sehr umtriebiger Mensch. 
 

Wir sind beeindruckt von den präzisen und sehr gut erhaltenen Darstellungen der Details auf vielen Blättern und vermuten, dass manche Seiten wohl von Güstrower Künstlern zusätzlich gestaltet wurden.

(Apotheker haben natürlich Heilpflanzen exakt gezeichnet und beschrieben, andere Möglichkeiten der Dokumentation gab es damals nicht. Leider sind die Bilder nicht signiert).

Vielfach sind die bildlichen Darstellungen von den Texten getrennt geschaffen worden, so dass die Vermutung besteht, dass die Textschreiber nicht auch die Zeichner der Bilder waren.