20. Allgemeines über das Stammbuch eines "der Apothekerkunst beflissenen" Bürgers namens George Friedrich Pirscher aus Sommerfeld in der damaligen brandenburgischen Provinz Niederschlesien im Königreich Preußen (heute Lubsko in Polen).

Buchrücken des Stammbuches
Buchrücken des Stammbuches

 

                                     Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Vorderseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher
Rückseite des Stammbuches G. F. Pirscher

Eine erste Analyse der Eintragungen im Stammbuch George Friedrich Pirscher  (G. F. P.) erfolgte durch Michael Müschner, einem Nachfahren des G. F. P. und jetzigem Besitzer des Stammbuches. Er hatte die Häufung der Eintragungen von Güstrowern in dem Stammbuch bemerkt und daher Kontakt zu uns über unsere Güstrower WEB-Site aufgenommen, weil er unser vielseitiges stadtgeschichtliches Interesse für unsere Heimatstadt bemerkte. Für diese Kontaktaufnahme sind wir Herrn Michael Müschner  natürlich sehr dankbar.

Vorbemerkungen: 
Mit dieser Studie ermöglichen wir einen Rückblick in den Güstrower Bekanntenkreis eines gebildeten preußischen Bürgers, welcher zwischen 1770 bis 1778 in unserer Heimatstadt Güstrow mit Unterbrechungen lebte und engere Bekanntschaften zu ca. 50 Güstrower Einwohnern und Besuchern Güstrows unterhielt. Dieses Stammbuch gehörte einst, wie sein erster Eigentümer zu Beginn des Buches erklärte, dem "der Apothekerkunst beflissenen" George Friedrich Pirscher, der sieben Jahre mit Unterbrechungen in Güstrow lebte und aus Sommerfeld in der damaligen preußischen Provinz Brandenburg in der Niederlausitz (jetzt Lubsko in Polen) stammte. Dieser Blick in das Stammbuch des George Friedrich Pirschers, wurde uns durch einen in Berlin lebenden Nachfahren ermöglicht. Dieser erbte das Buch von einer Tante, die aus der weiblichen Nachkommenschaft des Bruders des ersten Eigentümers stammte. G. F. Pirscher selbst blieb unverheiratet und kinderlos. Eine lückenlose Rückverfolgung dieser Linie ist dem jetzigen Eigentümer des Stammbuches, Herrn Michael Müschner, nicht gelungen und war auch durch uns nicht vordergründig beabsichtigt. Herr Müschner, der unsere Internetseite (www.stadtgeschichte-guestrow.de) besuchte, wurde durch unsere stadtgeschichtlichen Aufzeichnungen zu einer Kontaktaufnahme mit uns angeregt und hat uns über seinen Familienschatz zum Jahresbeginn 2015 sehr detailliert informiert. Er erhoffte durch uns Hinweise auf das Leben und Wirken seines Ahnen in Güstrow zu erhalten. Seine Informationen fanden wegen der namentlichen Benennung von ca. 50 Personen aus dem Umfeld seines Vorfahren mit Beziehungen zu Güstrow auch unser stadtgeschichtliches Interesse. Unsere erwartungsvolle Einbindung in Nachforschungen zum Leben und Wirken George Friedrich Pirschers in Güstrow durch Herrn Michael Müschner, erforderte von uns die Beschäftigung mit Personen und deren Lebensverhältnissen in unserer Heimatstadt zwischen 1770 und 1778, also der Zeit des Spätbarocks und des Übergangs zum Rokoko.

Mit solcher Art Recherchen zu einer Gruppe von Personen bewegten wir uns auf Neuland. Bislang stand meistens die Beschäftigung mit der Technikgeschichte und Einzelpersonen in unserer Region im Mittelpunkt unserer geschichtlichen Studien. Die Wenigsten von uns können es sich heute vorstellen, dass auch einmal Männer mit gepuderten Perücken (mit Zopf!) und Frauen mit Reifröcken durch Güstrows Straßen spazierten. Uns

ging es ebenso.


Ein Blick in das Original des Stammbuches wurde uns bei einem Kurzbesuch des Ehepaares Müschner in Güstrow ermöglicht. Wir betrachteten gemeinsam mit den verantwortlichen Mitarbeiterinnen des Archivs und des Museums unserer Heimatstadt das wertvolle Stammbuch. 


Die Besitzer des Stammbuches
George Friedrich Pirschers,
Kerstin und Michael Müschner, 2015 zu  Besuch im Stadtarchiv  Güstrow.
Das Stammbuch enthält 53 Eintragungen die in der Zeit zwischen 1770 und 1778 in Güstrow erfolgten.

Wir erhielten auch eine Namensliste Güstrower Bürger oder in Güstrow anwesende Bürger aus der Region, die in den Jahren 1870 bis 1878 Eintragungen in dem Stammbuch von George Friedrich Pirscher vornahmen und dieselben zum Teil mit Grafiken verschönerten oder verschönern ließen(?).

Anzahl der erfolgten Eintragungen in das Stammbuch in den nachstehend genannten Orten 

Güstrow       53
Rostock       12
Vielist           1
Wa(h)ren      2
Grünberg     5
Bützow         3


Der Eigentümer des Stammbuches des George Friedrich Pirscher, Michael Müschner hat inzwischen weitere Lebensdaten seines Vorfahren auf Grundlage seiner Internet-Recherchen ermittelt und mir zur Nutzung übermittelt:
- Lebenszeit des G.F. Pirscher 04.02.1747-13.04.1828 in Grünberg, veröffentlicht im Grünberger Wochenblatt.
- Pirscher hatte allem Anschein nach, keine eigene Apotheke in Güstrow, sondern war angestellt bei einem Güstrower Apotheker und hat sich hier möglicherweise weitergebildet. (Unsere Vermutungen deuten in Richtung Schloss-Apotheke Güstrow). Seit 1776 besaß er eine eigene Apotheke in Grünberg.  In einem polnischen Buch über das Krankenhaus in Grünberg wird zu den Apotheken in Grünberg ausgeführt, dass es dort Mitte des 18. Jahrhunderts zwei Apotheken gab. Eine war seit 1774 Eigentum des Apothekers Elsner. Die andere Apotheke
(Löwenapotheke) kaufte Pirscher aus Sommerfeld (Lubsko).

- Ende des 18. Jahrhunderts besaß Pirscher beide Apotheken.
- Das Apothekengesetz zwang ihn nach der Jahrhundertwende eine Apotheke wieder aufzugeben. 
- 2017, die örtliche Zeitung in Grünberg (Schlesien) teilt mit, dass nach 400 Jahren die Löwenapotheke in Zielona Gora geschlossen wurde.
- Da Pirscher wahrscheinlich bis 1778 in Güstrow tätig war, muss er nach dem Kauf der Apotheke in Grünberg zwischen Februar 1776 und 1778 zwischen Güstrow und Grünberg gependelt sein. 1776 sind in Güstrow nur zwei Eintragungen in dem Stammbuch erfolgt.
- Pirscher muss zu diesem Zeitraum recht bekannt und vermögend gewesen sein.  
- 1826: Seine Pirscherschen Stiftungen wurden durch eine wohlwollende Erwähnung durch den preußischen König Friedrich Wilhelm gewürdigt.
 
- Im "Nekrolog der Deutschen" von 1830 wurde Pirscher erwähnt. 
- Der Verkauf seiner Apotheke aus Altersgründen an seinen Neffen Gotthilf Walther wurde in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen Nr. 121, Donnerstag 8. Okt.1818 und Nr.123 inseriert.
-Trotz des Siebenjährigen Krieges und der Napoleon-Zeit, die seine Heimat Niederschlesien stark betrafen, war er ein sehr umtriebiger Mensch.  

Inzwischen hatten wir im Mai 2019 über unsere Erkenntnisse auf diesem für uns unbekannten Gebiet der Stammbuchforschung eine Broschüre erstellt und diese im Freundeskreis verschenkt und dem Stadtarchiv, dem Museum und der Bibliothek in Güstrow je ein Exemplar) zur Verfügung gestellt.
Gleichzeitig veröffentlichten wir unsere Forschungsergebnisse im Internet. Hiermit schienen unsere Möglichkeiten erschöpft zu sein.
 


Eine große Überraschung! 
Im Frühjahr 2019 bin ich (D. K.) bei meinen Internetrecherchen auf einen Beitrag über ein Grünberger Stammbuch gestoßen, der im Sammelband „Wissenschaftliche Beiträge des Verbandes Polnischer Germanisten“ veröffentlicht wurde. Sein Titel lautet: „Die Textsorte Stammbuch als Vorgänger von Facebook. Eine linguistische Analyse der Stammbucheinträge aus dem 18. Jh. am Beispiel eines Grünberger album amicorum“ und konnte unter dem Link http://www.sgp.edu.pl/media/Warszawa2015/Beitrage%20zur%20Germanistik%202015.pdf

 angesehen werden.
Eine weitere Arbeit derselben Autorin lautet:
„Multimodalität in historischen Texten. Ein Beitrag zur historischen Textsemiotik am Beispiel eines Grünberger Stammbuchs aus dem 18. Jahrhundert“ ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass das analysierte Grünberger Stammbuch im engen Zusammenhang zu unserem album amicorum von G. F. Pirscher steht.

Die Internetrecherche ergab, dass die Autorin der Beiträge eine polnische Germanistikprofessorin Prof. Dr. Jarochna Dąbrowska-Burkhardt von der Universität Zielona Góra ist.
Sie ist nicht nur am dortigen Institut für Germanistik tätig, sondern betreibt seit Jahren als gebürtige Einwohnerin von Zielona Góra (ehemals Grünberg in Schlesien) sprach- und kulturgeschichtliche Forschungen zu ihrer Heimatstadt. Die Gespräche mit ihr ergaben, dass die polnische Professorin und wir in Deutschland nicht nur mit der gleichen Textsorte, nämlich der  Stammbuchforschung befasst waren, sondern die polnische Professorin 
erkannte, dass wir beiderseits über Stammbüchern von damals befreundeten Grünberger Bürgern arbeiteten.

Mehreren E-Mails folgten Telefonate, die durch den detaillierten Datenaustausch zu den Stammbuchhaltern eindeutig bestätigten, dass die beiden Stammbuchhalterfamilien vor ca. 250 Jahren 47 Jahre miteinander bekannt waren.

Große Begeisterung auf beiden Seiten der polnisch-deutschen Kommunikationsverbindungen über diese Feststellung! 

Aber dies war nicht die einzige Überraschung.

Die Professorin zeigte zwei Historikern in Zielona Gora eine unbekannte Darstellung des Rathauses von Zielona Gora, die auf der Seite 149 des Stammbuches Pirscher sichtbar war, um deren kompetente Meinungen zu der Grafik zu erfahren. Der Vater der Professorin, Dr. Stefan Dąbrowski (Historiker), und der mit der Familie befreundete Kunsthistoriker Dr. Stanisław Kowalski aus Zielona Góra, haben die Grafik vom Grünberger Rathaus in "unserem" Pirscher- Stammbuch ebenfalls als bisher unbekannte historische Darstellung des Rathauses erkannt.

Diese Erkenntnisse führten zu einer Einladung im August 2019 durch die Professorin nach Zielona Góra, die das Ehepaar Müschner und ich gerne wahrnahmen. In einer Presseveranstaltung am 17.08.2019 wurden unsere gemeinsamen Erkenntnisse der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt. 
In großer Aufmachung berichteten drei Zeitungen „Gazeta Lubuska“ „Gazeta Wyborcza“ und „Łącznik Zielonogórski“ über diesen Pressetermin. Die exzellenten Sprach- und Geschichtskenntnisse von Frau Prof. Dr. habil.
 Dabrowska-Burkhardt ermöglichten kurzfristig eine gemeinsame Veröffentlichung der interessanten Erkenntnisse im Güstrower Jahrbuch 2020 unter dem Titel "Das Stammbuch - ein Urahn des Facebook" (Seite 85, ISBN 978-3-00-064199-2.) Dieses Güstrower Jahrbuch wird seit 30 Jahren erfolgreich durch die Güstrower Herausgeberin, Frau Friederike Neubert, verlegt und von ihr traditionell alljährlich im November in einer öffentlichen Buchpräsentation dem Bürgermeister übergeben.  

  

 

Siehe Foto „Gazeta Wyborcza“. Autor: Artur Łukasiewicz

1. Reihe sitzend v.l.: Dr. Stanisław Kowalski, Dr. Stefan Dąbrowski

2. Reihe stehend v.l.: Kerstin Müschner und Michael Müschner, Tomasz Kowalski M.A., Prof. Dr. habil. Jarochna Dąbrowska-Burkhardt, Dieter Kölpien, Miłosława Dąbrowska M. A., Tomasz Czyżniewski M.A., Ewa Burkhardt. 

(Nicht auf dem Bild: Dr. Barbara Bielinis-Kopeć, Dr. Bartek Gruszka, Zdzisław Haczek M.A., Artur Łukasiewicz M.A.) 

 

 

 



Prospekt des Rathauses zu Grünberg im ehemaligen 

 Niederschlesien 1778

 (heute Zielona Gora in Polen.)

Im linken Kreis der Grafik steht folgender Text:
                                                   Nach Schneiden und Senken

                                                  nach Hacken und Graben
                                                  kann ich mich auch endlich
                                                  an Weintrauben laben. 


Im rechten Kreis sind Symbole dargestellt, die auch noch im heutigen Wappen von Zielona Gora enthalten sind.

Anmerkung:
Die Darstellung der Schatten am Rathaus 
lässt den Schluss zu, dass die Sonne aus östlicher Richtung, also morgens, auf das Rathaus schien. Der unbekannte Grafiker hat diese Stimmung sehr präzise abgebildet.