Ehrenmal für die im I. Weltkrieg 1914/1918 gefallenen Mitglieder der Güstrower Domgemeinde

Im Zusammenhang mit der Siebenhundertjahrfeier des Domes (1926) planten die Dompastoren ein Ehrenmal für die Gefallenen des I. Weltkrieges zu errichten. Ein Findling unter der Krone der Eiche mit einem Kreuz und einer schlichten Inschrift war ihr Ziel. Von dieser Absicht erfuhr Barlach durch die Pastoren. Er war der Ansicht, dass man vor einem Kunstwerk wie dem Dom keinen Naturstein setzen sollte. Barlach machte sich Gedanken und fertigte eine Zeichnung und ein kleines Modell an. Im Frühjahr 1927 war ein Bronzeguss, der in der Berliner Gießerei Hermann Noack entstand, fertig.
Der „Schwebende" ist eines der bekanntesten Werke des Güstrower Bildhauers Ernst Barlach. Das Denkmal wurde am 29.05.1927 geweiht und erhielt einen von Ernst Barlach gewählten Ehrenplatz im Dom. Barlach schenkte dieses Werk der Güstrower Domgemeinde, er nahm für seine künstlerische Arbeit kein Honorar. Der Guss kostete 5500 RM und wurde durch den Verkauf einzelner Kunstgegenstände aus dem Dombesitz und durch 10 größere Spenden aus der Güstrower Bevölkerung beglichen. Nur wenige Jahre hing der Schwebende im Güstrower Dom. Am 23.08.1937 wurde der Engel als „entartete Kunst“ und als eines der letzten öffentlich aufgestellten Ehrenmale Barlachs aus dem Dom zu Güstrow entfernt. Den Auftrag dazu hatte der Oberkirchenrat Schwerin, gegen den Willen der Güstrower Kirchenleitung und der Bevölkerung, erteilt. Der Engel wurde durch die Güstrower Fa. Pierstorf abgehängt und unbeschädigt, sorgfältig in einer Kiste verpackt. Der Bronzeguss wurde nach Schwerin in das Stephanusstift gebracht und landete schließlich in der Garage des Landesbischofs, der bestrebt war, das Werk Barlachs vor der Zerstörung zu retten. Bis März 1941 wurde die Bronzeplastik in der Garage des Landesbischofs Schultz aufbewahrt und dann, auf Veranlassung der NSDAP-Kreisleitung entwendet und der Fa. Sommerkamp in Schwerin zur Verschrottung übergeben. Eine kurze Quittung der Fa. Sommerkamp bestätigte, …eine Bronzefigur im Gewicht von 250 kg zum Zwecke der Einschmelzung erhalten zu haben. Heil Hitler!“. Der Kreisleiter der NSDAP in Schwerin dankte dem Landesbischof und Parteigenossen in einem persönlichen Schreiben für die nachträgliche Metallspende des deutschen Volkes und stellte eine Spendenbescheinigung aus, womit der Diebstahl legalisiert werden sollte.
Zu der Zeit lebte der Schöpfer des Denkmals nicht mehr, er war am 24.10.1938 in Rostock verstorben. Im Februar 1939 hatten in Berlin mutige Barlachfreunde im Geheimen einen Zweitguss unter Verwendung des erhalten gebliebenen Werkmodells (Gipsmodell), das 1944 durch Kriegseinwirkungen zerstört wurde, bei der Fa. Noack herstellen lassen und diesen bei einem Kunstfreund, dem Maler und Bauern Hugo Körtzinger auf dessen Hof in Schnega in der Lüneburger Heide verborgen. Diese Plastik erhielt zum Schutz den Decknamen „Frau Kollstrow II“. 1944 wurde der aus dem Güstrower Dom entfernte Erstguss zu Rüstungszwecken eingeschmolzen.
Nach dem Krieg sprach sich in der Kunstszene herum, dass bei Körtzinger der zweite Guss
existierte. Der Kölner Museumsdirektor Leopold Reidemeister wollte ihn schon 1948 gerne für eine Ausstellung nach Köln holen. Körtzinger aber reagierte nicht auf die Anfragen. Erst
1951 wurde der Engel den Kölnern zum Kauf für rund 10000 Mark angeboten. Das Geld sollte auch reichen für einen Drittguss für Güstrow. Reichmeister sorgte dann dafür, dass der Zweitguss des Engels in die Antoniterkirche (Schildengasse) nach Köln kam.
1952 erfolgte ein Drittguss nach Abformung von dem einst in Berlin geheim angefertigten und lange verborgen gehaltenen Kölner Zweitgusses.