Kriegsgräberanlage des 2. Weltkrieges für zivile Opfer auf dem Friedhof Güstrow

Auf einer schlichten Tafel an der Nordseite des Grabanlage lesen wir:
Diese Steine erinnern an ein Massengrab, in dem 493 Menschen aus Güstrow ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges, im Mai 1945, haben sich diese Güstrower Bürger unter dem Druck der nahenden Ostfront und dem grausigen Ende des Dritten Reiches in Panik und Verzweiflung selbst getötet. 
Von diesen Opfern sind 263 durch Namen, Geburtstag und Sterbedatum bekannt, die weiteren 230 wurden durch Zeitzeugen identifiziert. Neun Soldaten sind auf dem Glasewitzer Feld beerdigt, zehn weitere Soldaten wurden tot am Bahnhof aufgefunden. Das Schicksal dieser Toten mahnt die Lebenden vor den Schrecken des Krieges, der Angst der Seelen und dem sinnlosen Verlust des Lebens. „Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, ist verurteilt, sie zu wiederholen.“

(George Santayana, 1863-1952, Philosoph)

                                                                                            Ev.-Lutherischer Kirchenkreis Güstrow, Friedhofsverwaltung

Es folgt nachstehender Text:
Im Jahre 2008 gab uns eine Güstrower Bürgerin Hinweise auf ein vergessenes und verdrängtes Massengrab. Mit der Errichtung dieser Kriegsgräberstätte soll das besondere Schicksal dieser Menschen vor dem Vergessen bewahrt und ein nachhaltiger Beitrag zur dauerhaften Erinnerung an die Opfer der Kriege geleistet werden. Diese Stätte soll dazu dienen, das Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt für die nachkommenden Generationen zu erhalten. Seit Januar 1945 kamen aus dem Osten Deutschlands Flüchtlingstrecks durch Güstrow. Die Ostfront rückte immer näher. Die Flüchtlinge hatten in Hast und Panik ihren Besitz und ihre Heimat verlassen und wollten nun zu Angehörigen in Richtung Westen. Sie berichteten von schlimmen Erlebnissen wie Erschießungen, Tieffliegerangriffen, Vergewaltigungen und Verschleppung von Kindern. Die faschistische Diktatur war am Ende und viele wussten nicht, wie es weitergehen sollte. Dennoch wurden Jugendliche mit Durchhalteparolen zum Volkssturm einberufen, um die Diktatur weiter aufrecht zu erhalten. Die Geschichte einzelner Schicksale macht besonders betroffen: Der Friedhofsverwalter fand in der Hosentasche eines Erschlagenen, der bis zur Unkenntlichkeit entstellt war, ein Taschentuch mit Initialen. So konnte er am Abend der Familie mitteilen, dass der Ehemann nicht mehr nach Hause kommen kann. In einer Apotheke konnten die Güstrower Arsen oder Zyankali bekommen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Familien versammelten sich, nahmen Gift ein und starben gemeinsam. Andere entschieden sich, nach Vergewaltigungen aus dem Leben zu scheiden. Ein Familienvater erschoss seine Eltern, die Ehefrau und die Kinder. Da er nur eine Jagdflinte besaß, bat er den Nachbarn, ihn zu erschießen. Zwei Tage später erschoss dieser Nachbar seine Familie und sich. Einige banden sich Steine um und gingen in den Sumpfsee. Bei dem 13-jährigen Sohn einer Familie hielten die Steine nicht und er konnte schwimmen. So wartete dieser 13-jährige bis alle seine Familienmitglieder untergegangen waren und meldete den Tod bei Pastor Siegert. Zusammen holten sie die Toten mit einem Karren vom See und brachten sie zum Friedhof. Jede Familie hat ein besonderes Schicksal und hinter jedem Familienmitglied verbergen sich furchbare Erinnerungen. Jeder Tote hat in diesem Massengrab nur 35 cm Platz. Welche Angst, Zukunftslosigkeit, Sinnlosigkeit, Rechtlosigkeit waren der Hintergrund für dieses Handeln? Eine Antwort ist nicht zu finden. Der 8. Mai 1945 war das Ende des 2.Weltkrieges und das Ende einer menschenverachtenden, mörderischen Diktatur. Am Ende eines Krieges gibt es keine Sieger, doch dieser Tag ist für viele zum Tag der Befreiung geworden. In der sowjetischen Besatzungszone folgte nun eine kommunistische Diktatur. Die Menschenverachtung ging weiter, indem das Schicksal Güstrower Bürger, die in diesem Massengrab ihre letzte Ruhestätte fanden, nicht beachtet, verdrängt und verschwiegen wurden. Wir denken an diese Menschen und erinnern an sie, damit diese seelische Not, Angst und Ausweglosigkeit nicht wieder geschehen können. Die geschilderten Ereignisse trugen sich 1945 zu. Heute, im Jahre 2010 und 65 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges, gibt es in Deutschland keinen Krieg! Dafür dürfen wir dankbar sein.

Achim Dugge