8.7 Kirche und Turm der Pfarrkirche Sankt Marien zu Güstrow erstrahlen neu im alten Glanz. Nach vier Jahren Bauzeit (2004 - 2009) ist die Kirche nun fast vollständig renoviert.

Schöne Luftaufnahmen vom Turm der Pfarrkirche und von der Erneuerung seiner Krönung 2007

Die erstmals im Jahre 1308 erwähnte Kirche hatte einen spitzen Turm, der wie auch die gesamte Kirche und nahezu die gesamte Stadt Güstrow, mit Ausnahme des Domkapitels und der ebenfalls im gleichen Jahr erstmalig erwähnten Kirche Heiligen-Geist sowie einigen wenigen Häusern im Norden der Stadt, bei dem bei dem ersten großen Stadtbrand vom Juni 1503 zerstört wurde. Erst 1865 unter dem Patronat der Stadt wurde dem Turm wieder seine weit sichtbare schöne Laterne aufgesetzt.
Seine letzte Kupferdeckung erhielt er in 1978.
Nun machte die Windlastverordnung der Bundesrepublik einen erheblichen Eingriff zur Stabilisierung des Turmes erforderlich, bei dem sieben Tonnen Stahl verbaut wurden. Da in der Zukunft weiterhin mit stärkeren und häufigeren Stürmen infolge des fortschreitenden Klimawandels zu rechnen ist, soll auch dadurch seine Standfestigkeit gesichert sein.
Noch bis 31.12.1920 wohnte im Turm der Pfarrkirche zu Güstrow der letzte Turmwächter, sein Name war Franz Scherping. In diesen bescheidenen Räumen wohnte das letzte Türmer-Ehepaar mit zwei Kindern. Die verwinkelte Behausung wurde in der Vergangenheit mehrfach umgebaut, wovon verschiedene Anstriche und Tapetenreste zeugten. Zuletzt bestand sie aus drei sehr kleinen verwinkelten Räumen. In dem größten Zimmerchen (ca. 12m2)  befand sich einmal ein Herd oder Ofen, daneben außerhalb unter dem Dachboden gab es eine offene(!) Feuerstelle mit einem Rauchfang. Der letzte Türmer übte seine die Tätigkeit vom 30.10.1913 bis 31.12.1920 aus. Im Adressbuch von 1914 und 1917 wird er als Turmwächter erwähnt, seine Postanschrift war „Markt 1“, diese Postanschrift hat noch heute das Güstrower Rathaus. Franz, Carl, Daniel, Conrad Scherping wurde am 06.04.1882 in Krakow am See geboren und verstarb 1945 in Güstrow. Er war von Beruf Schneider und hatte mit seiner Ehefrau Luise, Wilhelmine, Caroline geb. Detlof, die 1952 verstarb, die beiden Kinder Willi und Irma. Die Tochter Irma, Sophie, Berta Scherping wurde 1918 in der Türmerwohnung geboren. Sie war die letzte „hoch(wohl)geborene“ Güstrowerin. Sein Vorgänger hatte zuvor zeitweilig sogar mit seiner Ehefrau und fünf Kindern den Turm bewohnt.
Eine Arbeitsgruppe „Türmerwohnung“ des Kirchgemeinderates von Sankt Marien  beschäftigte sich während der Bautätigkeit damit, Erkenntnisse über das Leben der Türmer zu sammeln. Die geschah mit der Absicht nach Abschluss der Bautätigkeit in der kleinen Behausung die Wohnsituation des letzten Türmers um 1913/1920 nachzubilden. Das Vorhaben, die Wohnung zeitgemäß auszustatten wurde leider nicht möglich.
Eine Dokumentation im Turm gibt nun über ihre Erkenntnisse der Arbeitsgruppe Auskunft.

Die Türmer der Pfarrkirche waren von 1718 bis 1920 vereidigte Dienstverpflichtete der Stadt Güstrow. Eine Namensliste der Güstrower Türmer, ihre Aufgaben, der von ihnen zu leistende ihr Eid, ihre Einkünfte sind vom ehemaligen verdienstvollen Stadtsekretär Heinrich Benox aufgezeichnet worden und im Güstrower Stadtarchiv, welches ihm zu Ehren seinen Namen führt, aufbewahrt.
Die Umbauarbeiten für die Uhrenanlage der Kirche um 1742 führten sicherlich schon zu Veränderungen an der ursprünglichen Wohnstätte der Türmer, die es bereits ab 1718, damals noch unter dem pyramidenförmigen Dach im niedrigeren Turm, gegeben haben muss, denn in diesem Jahr trat nachweislich der erste vereidigte Türmer Michael Gilmeister, am 02.11.1718, seinen Dienst an.
Bei den Besichtigungen des Turmes kann man eine Blick in die Türmerwohnung werfen und durch eine im Turm angebrachte Dokumentation viel über das beschwerliche Leben der Türmer erfahren.
Heute werden in einem Raum der Türmerwohnung die unterschiedlichsten Fundstücke, die bei den Bauarbeiten im Turm zum Vorschein kamen, auf alten Bohlen, die von alten Mauerziegeln gestützt werden, präsentiert. Der zweite Raum wurde mit einer als Türmer angekleideten Schaufensterpuppe und den Utensilien des Türmers ausgestattet.
Unterhalb der in alle vier Haupthimmelsrichtungen angeordneten Ziffernblätter der Turmuhr befinden sich noch heute kleine Fenster, aus denen Tag und Nacht durch den Türmer Ausschau und somit Brandwache zum Schutz der Güstrower Bürger vor Bränden gehalten wurde. Der Türmer hielt nach Rauchentwicklungen und möglichen Bränden in der Stadt Ausschau und nahm die Alarmierung der Bevölkerung bzw. der Feuerwehr vor, die bis zur Errichtung eines eigenen Spritzenhauses im Jahre 1882 in Räumen neben dem Kirchturm ihre Geräte unterstellte.
Für die Alarmierung standen dem Türmer folgende Hilfsmittel zur Verfügung bzw. wurden genutzt: Sturm- und Feuerglocke, ein großes blechernes Sprachrohr, ein Signalhorn und eine Trompete, eine rote Fahne als Feueralarmzeichen am Tage, eine rote Laterne als Feueralarmzeichen bei Nacht. Die rote Fahne bzw. die rote Laterne wurde jeweils in jene Himmelsrichtung aus dem Turm gehängt, in der Rauchentwicklung oder ein der Brandort vom Türmer gesichtet wurde.

Schon vor den vereidigten Türmern wurde auf dem Turm der Pfarrkirche neben den Türmern auch von den "Kunstpfeiffer" der Stadt Güstrow Wache gehalten.
Die Stadt Güstrow verfügte schon sehr früh - zumindest seit 1592 - über eine eigene Musikkapelle unter der Leitung eines vom Magistrat angestellten "Kunstpfeiffers". Er war verpflichtet, mindestens drei weitere Musiker in seinen Dienst zu nehmen und von sich aus zu bezahlen. Zu den Aufgaben dieser Kapelle gehörte es u. a. im Jahre 1600, neben dem Türmer die Wacht auf dem Pfarrkirchturm zu halten und täglich 3 mal, morgens um 3, mittags um 10 und abends um 8 Uhr (im Sommer um 9 Uhr) mit seinen Gehilfen vom Turm zu blasen, sowie mittags um 12 Uhr auf dem Turm die "Betglocke" anzuschlagen.
Im Jahre 1614 betrug das Gehalt des Kunstpfeiffers 76 Gulden (40 Gulden vom Rathause, 30 Gulden für die Turmwacht, 3 Gulden für das Anschlagen der Betglocke und 3 Gulden für das Läuten der Wächterglocke, dazu kamen 1 Drombt Roggen vom Stadthofe und 4 Scheffel Korn aus der Mühle, sowie 11 Fuder Holz und freie Wohnung auf dem Rathause in den Räumen der Stadtwaage. Nicht zuletzt gehörte auch zu seinen Pflichten, die Uhr auf dem damals noch vorhandenen Rathausturm bei Bedarf zu stellen. 1637 stellte der Magistrat Johannes Schultz aus Magdeburg ein, der sich wieder verpflichten musste, seine Wohnung auf dem Turm der Pfarrkirche zu nehmen. Die Bedingungen auf dem Turm waren so schlecht, dass sein Nachfolger bereits1644 wieder eine freie Wohnung in der Stadt erhielt. Als Entgelt erhielt er 20 Gulden von den Vorstehern der Pfarrkirche, 10 Gulden vom St.-Jürgens-Hospital, 10 Gulden von der Gertruden-Kapelle und 10 Gulden vom Rathause. Dazu kamen noch 20 Gulden für die halbe Wacht auf dem Turm, da die­ser inzwischen von einem ständigen Wächter besetzt war.

Eine Episode aus der Geschichte des Kirchturmes sei um Abschluss noch erwähnt.
Bei der Feier nach dem Abschluss der Dachdeckerarbeiten am Kirchturm im Jahre 1833 soll es zu folgender Begebenheit gekommen sein, die von den Güstrowern als glückverheißendes Omen für die Pfarrkirche gedeutet wurde. Vom Kirchturm trug damals ein Dachdecker Schulz, also ein Namensvetter des Architekten Schulz dessen Büro heute mit der Turmerneuerung beauftragt war, ein längeres Gedicht als Weihespruch vor. Als der Meister den letzten Vers gesprochen hatte, leerte er, wie es Handwerkerbrauch war, ein mit Wein gefülltes Glas und warf dieses anschließend vom Turm herab in die Tiefe. Unter den zahlreichen versammelten Güstrowern befand sich auch ein Schusterjunge namens Krüger, der das Glas mit seiner Mütze auffing. In das Glas wurde zur Erinnerung an die Begebenheit folgende Worte eingeschliffen: „Schulz von Rostock her gesandt, leerte mich auf hohem Stand, warf mich von des Turmes Spitze in des Schusterburschen Mütze; Krüger nannte sich der Knabe der sich freute dieser Gabe“ Der Verbleib dieses Glases ist unbekannt.

Voller Freude und mit Achtung vor den Handwerkern betrachten die Güstrower und ihre Besucher nun wieder Kirche und Kirchturm der Pfarrkirche von Sankt Marien, die nun in alter Schönheit wieder die vertraute Silhouette Güstrows mit prägen.