1940:

Das Barlach-Gremium schien von einer Beauftragung, Realisierung und Bezahlung des Sicherungsgusses nichts gewusst zu haben, da es erst 1940 bei einer Sitzung Kenntnis davon nahm, „daß sowohl der Kieler Geistkämpfer als auch das Güstrower Mal sich in sicherer Verwahrung befinden“. (37) So ist es dem Wagemut von Böhmer, der Gießerei Noack und dem Kunstfreund Körtzinger zu danken, dass Barlachs „Schwebender“ als große Bronze der Nachwelt durch diesen Sicherungsguss erhalten blieb. Böhmer stand bis zum Tode Barlachs und danach auch als Beauftragter des Barlach-Gremiums sowohl in deren als auch in den Diensten der Nazis. Der Kunsthändler Böhmer spielte eine sehr ambivalente Rolle. (38) Ihm als NS-Kunsthändler und förderndes Mitglied der SS wird der Transport des Werkmodells aus Barlachs Güstrower Atelier zur Gießerei nach Berlin unauffällig möglich gewesen sein. Der Sicherungsguss soll zum Schutz den Decknamen „Frau Kollstrow II“ erhalten haben (39). (Kunstwort aus Kollwitz und Güstrow, II für den Sicherungsguss)
Tom Crepon schrieb „Bei der ersten von der Galerie Theodor Fischer in Luzern, veranstalteten Versteigerung werden sieben Plastiken Barlachsangeboten, darunter der Zweitguss des Schwebenden(?), die Holzplastik Lesender Mönch und ein Bronzeguss vom Wiedersehen“. (40)

Informant von Crepon war nach Äußerungen von Frau Johanna Schult sehr wahrscheinlich ihr damaliger Ehemann Friedrich Ernst Schult, ein Patenkind Ernst Barlachs. Derartige Äußerungen von ihrem Schwiegervater Friedrich (Lütten) Schult gegenüber Crepon hält sie für unwahrscheinlich. Diese von Crepon gemachten Angaben stimmen inhaltlich nicht mit nachstehenden Texten überein.


- Friedrich Schult der Güstrower Nachlassverwalter Barlachs, schrieb in dem Werkeverzeichnis (41): „Ein zweiter, aus Sicherheitsgründen 1942 in Auftrag gegebener Guß während des Krieges in Schnega, Kr. Dannenberg, ausgelagert, jetzt in der Antoniterkirche Köln. Ein davon abgenommener dritter Guß in vorläufiger Hängung im westlichen Joch des südlichen Seitenschiffs des Güstrower Doms; H: 70,0 Schulterbreite 73,5  T: 214,0

 - Auf der Internetseite des Güstrower Doms (42) wird ausgeführt: „Freunde Barlachs haben 1942 mit großem Einsatz einen Zweitguss herstellen lassen, der in der Lüneburger Heide verborgen werden konnte.“

- Jost Mazuch, Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Köln-Klettenberg, führte in „Engel auf der Flucht - Die abenteuerliche Geschichte einer Barlach-Skulptur zwischen Köln und Güstrow, Wegweiser April-Mai 2009“ (43), aus: „Wie kommt es, dass der Engel dennoch heute wieder in Köln und Güstrow hängt? In der Berliner Gießerei Hermann Noack existierte damals noch das Werkmodell des „Schwebenden“. Von diesem Gipsmodell ließen Freunde Barlachs kurz nach seinem Tod einen zweiten Guss anfertigen. Der überstand den Krieg, versteckt in einer Kiste in einem Schuppen bei dem Maler Hugo Körtzinger in Schnega in der Lüneburger Heide“.


Zur Klärung der widersprüchlichen Textangaben werden hier durch die Autoren weitere Daten und Fakten zitiert. Das Schweizer Auktionshaus Theodor Fischer hatte der „Verwertungskommission“ für „Entartete Kunst“ bereits 1938sein Interesse an einer Zusammenarbeit mitgeteilt. Auf der Grundlage eines Vertrages, dem ein Verzeichnis der zu versteigernden Werke mit entsprechenden zu erreichenden Limits beigefügt war, wurde in der am 30.06.1939 im Grand Hotel National, Luzern von der Galerie Fischer eine Auktion „Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen“ durchgeführt und dabei sieben Barlachwerke versteigert. Darunter befanden sich Christus und Johannes (auch als „Wiedersehen“, bekannt), 1926 Bronze, Höhe 48 cm und „Lesender Mönch“, 1932, Holz 60x61x23 cm. Ein Zweitguss des „Schwebenden“ wurde laut Katalog nicht angeboten. Angeboten wurde laut einer Übersicht „Verkaufsergebnisse der Auktion - Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen -, Galerie Fischer, Luzern 30. Juni 1939“ unter Los-Nr. 7 jedoch die Plastik „Schwebender Gottvater“ (auch „Schwebender Mann“ genannt) 1922, Böttgersteingut, Höhe 50 cm. (44) Nach Auffassung der Autoren kann es sich bei Crepon daher nur um eine Verwechselung Barlachscher Plastiken handeln.

1. Das „Güstrower Ehrenmal“ stand nicht auf der EK-Liste der sogenannten >>entarteten<< Kunst der Nazis, die ca. 16.000 Kunstwerke umfasste. Die Abnahme des „Güstrower Ehrenmals“ durch die Kirchenführung verhinderte zwar die Vereinnahmung des „Schwebenden“ durch die „Verwertungsgesellschaft“ der Nazis aber der Erhalt des Originals wurde, wie wir heute wissen, dadurch nicht gesichert.

2. Ein Auftrag für einen Sicherungsguss im Kommissionsbuch der Bildgießerei Hermann Noack Berlin ist mit dem Eintrag „10.I. 4911 1 Engel Brz. Böhmer 1939“, vermerkt und wurde nach unseren Erkenntnissen nicht direkt von dort per Bahn nach Schnega transportiert. (35), (45)


Schlussfolgernd kann durch diese Recherchen im Hinblick auf die obigen widersprüchlichen Textstellen festgestellt werden, dass


- der Sicherungsguss tatsächlich am 10.01.1939 von Bernhard A. Böhmer beauftragt wurde und - kein Zweitguss des „Schwebenden“ in Luzern oder Basel zur Versteigerung angeboten werden konnte.


Am 25.09.1940 beschloss der Kirchgemeinderat auf Vorschlag von Domprediger Grüner einstimmig, dass das Wandgemälde („Kreuzigungsszene“) von dem Güstrower Maler Wilke, zusammen mit dem Gedenkbuch und dem eichenen Tisch, künftig als Stätte für die Heldenehrung der Gefallenen des 1. Weltkrieges dienen solle.